Schneider, J.: Die Wiederkehr der jährlichen und monatlichen Änderungen des Luftdrucks usw. 913
barometrische Minimum am Südrand unserer Karte angekommen und dafür ein
neues ganz im Norden aufgetaucht. Ist letzteres in das Herz Kuropas eingedrungen,
so schickt sich das vorausziehende Luftdruckmaximum an, im Süden zu verschwinden,
und es ist wieder die Zeit des ersten Äquatorübergangs von Sonne oder Mond ge-
kommen.
Auffallend dürfte es sein, daß trotz der außerordentlichen Verschiedenheit
in der Länge der Sonnen- und Mondperiode während dieser beiden Zeiträume doch
nahezu der gleiche Nordsüdweg von den Extremwerten des Luftdrucks zurück-
gelegt wird. ‚Fast möchte es scheinen, als ob der kürzeren Mondperiode sogar eine
etwas längere Bahn eigentümlich wäre wie der Sonnenperiode. Sollte das wirklich
der Fall sein, so ließe sich dieses vielleicht mit dem Umstand in Verbindung bringen,
daß die höchste Erhebung der Sonne über unseren Horizont im Laufe eines Jahres
sich um 47° ändert, während der Wechsel im Hochstand des Mondes innerhalb
eines tropischen Monats 10° mehr betragen kann. ;
Der hier festgestellte gleichartige Einfluß von Sonne und Mond auf die Erd-
atmosphäre deutet nun auf eine gleiche, von diesen Himmelskörpern ausgehende
Kraft hin. Als solche kann aber nach unserem gegenwärtigen Wissen nur die Schwer-
kraft in Betracht kommen. Wir hätten demnach in den jährlich und monatlich
wiederkehrenden Änderungen des Luftdrucks über Europa in der Hauptsache
eine Wirkung der Sonnen- und Mondattraktion zu erblicken. Daß aber auch die
Wärmewirkung der Sonne bei diesen Barometerstandsschwankungen eine Rolle
spielen muß, darf von vornherein als sicher gelten. Sie ist auch in unseren Ergeb-
nissen wohl zu erkennen, denn durch sie ist jedenfalls die charakteristische ostwestliche
Ausbiegung in den beiden ersten Bahnen der extremen Luftdruckwerte bedingt.
Da das Wasser den Temperaturänderungen nicht so rasch zu folgen vermag wie das
Land, so sehen wir in der heißen Jahreszeit den hohen, in der kalten den niedrigen
Luftdruck an das Meer gefesselt und daher die Bahnen nach. Westen gezogen. Aus
einem ähnlichen Grunde treibt im Sommer das barometrische Minimum, im Winter
das Maximum dem Kern der Festlandsmasse, also dem Osten zu. Beim Mond
fallen infolge der fehlenden Wärmewirkung solche Nebeneinflüsse fort. Die durch
ihn bestimmten Bahnen stehen mit der Verteilung von Wasser und Land in keinem
innigeren Zusammenhang; sie haben daher im allgemeinen reine Nordsüdrichtung.
Die hier gewonnene Erkenntnis ist von größter Wichtigkeit, denn durch sie
wird neben die -hinlänglich bekannte Wärmewirkung der Sonne als neuer, höchst
bedeutsamer Faktor für die Entwicklung der meteorologischen und kümatologischen
Erscheinungen die Attraktion gestellt... Sie spielt jedenfalls in den mittleren
und höheren Breiten unseres Erdteils für die Umbildung der Witterungsverhältnisse
eine ausschlaggebende Rolle. Daß dem wirklich so ist, können wir aus unseren Er-
gebnissen noch in anderer Weise bestätigt finden. Wir brauchen nur nach Tafel 8
und 9 die jährliche Veränderung der Luftdruckverteilung über Europa mit derjenigen
zu vergleichen, welche während eines tropischen Mondumlaufes eintritt. Am besten
geschieht dies so, daß man Kartenbilder, welche gleichen Lagen von Sonne und
Mond zum Himmelsäquator entsprechen, einander gegenüberstellt. Da der Jahres-
lauf der Sonne im Januar nach dem Durchgang durch die südlichste Stelle ihrer
Bahn anhebt, so tut man gut, auch den tropischen Mondumlauf nach dem tiefsten
Stand des Mondes, also mit dem Durchlaufen des Bahnabschnitts i beginnen zu
lassen. Letzterer würde dann dem Januar oder Februar, die Bahnabschnitte k und
dem März, b dem April oder Mai entsprechen usw. In einer solchen Gegenüber-
stellung der beiden in Betracht kommenden Umläufe ist dann die merkwürdige
Übereinstimmung zwischen den in Wettbewerb tretenden Kartenbildern kaum zu
verkennen.
Dabei kann im Hinblick auf die Gesamtheit aller Karten noch festgestellt
werden, daß die Begrenzungslinien für die Gebiete mit positiven oder negativen
Barometerstandsabweichungen sich ziemlich vollständig frei zeigen von der Neigung,
ihren Verlauf den Grenzen der Länder und Meere anzupassen. Das gilt für den Mond
sowohl; wie auch für die Sonne und bildet einen neuen Beweis dafür, daß die Wärme-
einfüsse bei der Festlegung der Luftdruckverteilung über Mitteleuropa von neben-
sächlicher Bedeutung sind, daß hierfür vielmehr eine Kraft bestimmend ist, die enge