194 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1917.
barsten bemerkbar macht, ist der didaktische Aufbau der astronomischen Ortsbestimmung aus dem als
Grundlage dienenden Prinzip der Standlinie heraus mit Freuden zu begrüßen. Die Reduktion der
Aufgaben ist zwar mit fünfstelligen Logarithmen durchgeführt, doch läßt die Konstatierung der Tat-
sache, »daß für die Praxis die Benutzung von nur vierstelligen Logarithmen vollkommen genügt«, der
Hoffnung auf eine weitere Ausgestaltung in diesem Sinne Raum. Von den graphischen Methoden
verdient das Diagramm von Kitschin für Nebenmeridianbreite und das Azimutdiagramm von Weir
Beachtung.
Die mit der eigentlichen Nautik nicht so eng verknüpften Gebiete, wie Wetterkunde, Meeres-
kunde und Gezeitenlehre, beanspruchen durch ihre Darstellung warmes Interesse,
Für eine etwaige spätere Auflage müssen die Figuren 12 (Seite 218) und 20 (Seite 416) durch
neue ersetzt werden. In der ersteren umfaßt der Nonius nur 58 Gradbogenteile (statt 59) und in der
letzten ist in dem nördlichsten Sturmfeld die Windrichtung versehentlich im Sinne der Uhrzeiger-
bewegung gezeichnet. Dr. Bolte.
H. Peters: Ebbe und Flut in gemeinverständlicher Darstellung. 8% 63 5.
16 Abbildungen. Selbstverlag des Verfassers. Auf dem Schnee, bei Herdecke,
Westfalen 1917.
Noch kein Jahr ist verflossen seit dem Erscheinen des Werkes von Aloys Müller über die
Theorie der Gezeitenkräfte, da wird schon ein neues Werk unter obigem Titel auf den Büchermarkt
gebracht, welches sich auch gegen diese zusammenfassende Arbeit wendet, in erster Linie aber einen
neuartigen Versuch darstellt, das schwierige Problem der Ursache und des Verlaufs der Gezeiten
Nichtmathematikern anschaulich näher zu bringen. Im Gegensatz zu den »Neuen Theorien« zur
Lösung irgendeines wissenschaftlichen Problems, die auf den meisten Wissenschaftsgebieten von Zeit
zu Zeit auftauchen und auch meist im Selbstverlag erscheinen, ist diese Abhandlung vollkommen ernst
zu nehmen und die Veranschaulichungsweise beachtenswert. Ob aber die Hoffnung des Verfassers
sich erfüllen wird, dem mit physikalischen Gesetzen weniger Vertrauten einen Einblick in die in Frage
kommenden Vorgänge zu verschaffen, scheint dem Unterzeichneten fraglich, Denn es wird schwerlich
en Nichtphysiker imstande sein, die Versuche nachzumachen und sich von ihrer Güligkeit zu
überzeugen.
Der Verfasser schildert im Vorwort den Inhalt seiner Arbeit folgendermaßen: »Im Gegensatz
zu Darwin, Müller u. a. ist nachgewiesen, daß die Zentrifugalkraft als wesentlicher Faktor bei der
Berechnung der fluterzeugenden Krait zu berücksichtigen ist. Die Lotabweichungen sind ausführ-
licher besprochen, da sie eine gute Übersicht über Richtung und Stärke der fluterzeugenden Kraft
geben. Die Eintagsfluten des Südchinesischen Meeres und im Golf von Mexiko, sowie die großen,
jäglichen Ungleichheiten an manchen Küsten galten bisher als ungelöste Probleme, in dieser Be-
irachtung erkennen wir sie als notwendige und normale Erscheinungen«. .
Das neue Veranschaulichungsverfahren besteht darin, daß die Ausschläge eines Pendels ver-
folgt werden, welches in einem Auto aufgehängt ist. Es werden auf diese Weise die Gesetze über die
Zentrifugalkraft hergeleitet. Darauf wird ein Magnet, der auf die eiserne Pendelkugel wirkt, hinzu-
genommen und die »Fallgesetze« abgeleitet, sowie die Zentralbewegung der Planeten, woran sich die
Erörterung der Sonnenflut schließt, Zur Erläuterung der Mondflut wird ein Apparat beschrieben,
der aus einer Scheibe (Mittelpunkt N) besteht. An der Verlängerung eines Durchmessers PNO über 0
hinaus ist an einer senkrechten, nach oben gebogenen Stange ein Magnet angebracht. Im andern
Endpunkt P ist auf der Scheibe ein am oberen Ende rechtwinklig gebogener Träger errichtet, an dem
zin Globus so hängt, daß seine Äquatorebene in der Höhe des Magnets liegt und sein Mittelpunkt
um 0.74 r (Radius) nach P zu verschoben wird, d.h. der Schwerpunkt des Systems Erde— Mond (-Magnet)
liegt über N. Von einem über dem Globus angebrachten Reif hängen Eisenkugelpendel bis in die
Höhe der Äquatorebene herab. Die Scheibe um N und der Reifen mit den Pendeln lassen sich durch
Uhrwerk drehen. Es ist immerhin denkbar, daß sich ein derartiger Apparat zur Veranschaulichung
der »Revolution obne Rotation« herstellen ließe. In bezug auf die »Revolution ohne Rotation«
herrscht nun allerdings eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit zwischen Peters, der sich auf
Thomsen-Tait. W. Voigt und La Corguille stürzt, und Darwin, Krümmel, Schweydar,
Aloys Müller u. a. Nach der Ansicht der Jetzteren verschiebt sich dabei ein beliebiger Aquator-
durchmesser stets parallel mit sich selbst, zeigt also stets nach dem gleichen Punkt (Fixstern) im
Raume, während die andern behaupten, die Stellung der Erde zur Sonne bleibe unverändert, d. h.
an Durchmesser, der in irgendeinem Bahnpunkte nach der Sonne weise, tue gies auch in allen
übrigen Punkten der Bahn. Der Unterzeichnete, der als Anhänger Darwins usw. in diesem Falle
Partei ist, hat sich auch durch die Petersschen Auseinandersetzungen nicht davon überzeugen
können, daß im System Erde—Mond die Revolution ohne Rotation anders vor sich gehe als durch
Paralielverschiebung eines beliebigen Durchmessers, Wäre die Peterssche Ansicht dagegen die
richtige auch im System Erde—Mond, so müßte bei Aufhören der Erdrotation der Mond im Lauf
eines Monats stets‘ über dem gleichen Punkt stehen, da dann ja ein nach dem Mondmittelpunkt
weisender Erdradius stets auf diesen Punkt zeigen müßte. Indessen scheinen sich die Petersschen Be-
'rachtungen dieses Kapitels »Revolution ohne Rotation« auf das System Erde—Sonne zu beziehen,
während die entsprechenden Erörterungen Darwins und seiner Nachfolger sowie der Müllersche
Apparat sich auf das System Erde—Mond beziehen.
Was endlich den Versuch des letzten Abschnittes angeht, die Richtigkeit der Theorie an dem
Vorhandensein entsprechender‘ Gezeitenverhältnisse auf der Erde zu erweisen, so läßt sich dagegen
geltend machen, daß es bei der großen Mannigfaltigkeit der irdischen Gezeiten immer möglich ist,
Orte oder Gebiete ausfindig zu machen, die den Anforderungen dieser oder jener Theorie entsprechen.