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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 45 (1917)

122 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1917. 
der Steigegeschwindigkeit angewandt und demgemäß in den Doppelvisierungen gerade- 
zu ein Mittel erblickt, um die Vertikalbewegungen der Atmosphäre zu studieren. In- 
dessen hat bereits J. S. Dines bemerkt, daß es „unberechtigt erscheint, die Steige- 
geschwindigkeit eines jeden Ballones unter der Annahme zu berechnen, daß sie 
lediglich von seinem Durchmesser und freien Auftrieb abhängt, und alle Ab- 
weichungen von dieser Steigegeschwindigkeit als durch Vertikalströme bedingt 
anzusehen‘“1). Anderseits hat aber gerade Dines die Erklärung des beschleunigten 
Aufsteigens in Erdnähe durch aufwärts gerichtete Strömungen zu stützen versucht 
durch die Bemerkung, daß der Horizontalstrom in der Nähe der Erdoberfläche 
notwendig von dem Fuße der absteigenden nach dem der aufsteigenden Luftströme 
hin gerichtet sein müsse, und daß deshalb eine größere Wahrscheinlichkeit dafür 
vorhanden sei, daß ein von der Erde aufgelassener Ballon in einen aufsteigenden 
Luftstrom gerät?). Auch wenn man diese Bemerkung gelten lassen will, so erklärt 
sie doch die beobachteten Tatsachen nicht. Was man vielmehr nach Dines’ 
Hypothese zu erwarten hätte, zeigt folgende Überlegung: 
An der horizontalen Erdoberfläche hat die Vertikalbewegung zufolge der 
Oberflächenbedingung notwendig den Wert Null. In einem Gebiete, in dem die 
Strömungslinien konvergieren, wird, nach der Kontinuitätsgleichung, die Vertikal- 
bewegung nach oben zunehmen. Sie wird also von dem Werte Null, den sie an der 
Erde hat, allmählich zunehmen bis zu einem gewissen Maximalwert, um dann wieder 
abzunehmen. Sie wird aber nicht an der Erde selbst einen großen Wert haben 
können. Nun könnte man zugeben, daß die Vertikalbewegung an der Erde selbst 
Null ist, aber behaupten, daß das Maximum sehr schnell, etwa noch vor Ablesung 
des ersten Punktes bei den Doppelvisierungen, erreicht wird. Dem widerspricht aber 
die Erfahrung, daß auch Aufstiegsversuche im Freien in unmittelbarer Nähe des 
Erdbodens abnorm große Steigegeschwindigkeiten liefern. Solche Versuche mit 
einem an einem Faden gefesselten Ballon dienten in Straßburg ursprünglich als 
Grundlage für die Berechnung der einfachen Visierungen. Wie sich später zeigte, 
waren. die so gefundenen Steigegeschwindigkeiten um 65° zu hoch. 
Aus den Abweichungen von der normalen Steigegeschwindigkeit bei den 
Lindenberger Doppelvisierungen hat W. Peppler®} das Ergebnis abgeleitet, daß in der 
freien Atmosphäre die Ballone bei starkem Wind schneller steigen als bei schwachem 
und dieses Ergebnis so gedeutet, daß die vertikale Luftversetzung von den Flächen 
geringerer horizontaler Strömungsgeschwindigkeit nach denen größerer stattfindet. Er 
vergleicht die Wirkung einer stärker bewegten Luftschicht mit der eines Strahles, 
der unter hohem Druck aus einer Düse strömt und die benachbarte Luft mitreißt. 
Man kann aber wohl diesem Vergleich keine größere Beweiskraft zuerkennen, denn 
es ist nicht einzusehen, wo in der Atmosphäre der Motor sein sollte, der den Strahl 
unter erhöhtem Druck vortreibt. Außerdem zeigt eine einfache Überlegung, daß 
der obige Satz in dieser Allgemeinheit nicht bestehen kann. Wenn nämlich eine 
schneller bewegte Schicht von oben und von unten Luft in sich hineinzieht, so 
wird infolge der Kontinuität die Geschwin- 
digkeit in der Richtung der Bewegung zu- 
nehmen. Dieses muß aber seine Grenzen 
haben, und nach einiger Zeit wird die Ge- 
schwindigkeit wieder abnehmen müssen. 
Wenn dieses eintritt, muß die Schicht nach 
oben und unten Luft abgeben, es wird also, 
obgleich die Schicht noch stark bewegt ist, die Luftversetzung jetzt umgekehrt von 
der stärker nach den schwächer bewegten Schichten gehen, und gerade dort, wo 
die Geschwindigkeit am größten ist, wird es keine vertikale Luftversetzung geben 
(vgl. Fig. 1). Man sieht also, daß es eine einsinnige Beziehung zwischen horizontaler 
Strömungsgeschwindigkeit und vertikaler Luftversetzung nicht geben kann. 
Ebenfalls versagen muß die Hypothese der Vertikalbewegungen bei der 
F S. Dines, Aeronautics. 3. report on wind structure,” London 1912, 
Lo . 
3) W.Peppler, Zur Kenntnis der vertikalen Luftbewegungen. Arbeiten des Kgl. Preußischen 
Aeron, Obs. bei Lindenberg 1911, S. 243 bis 252. 
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