Ann. d. Hydr. usw., XXXXV. Jahrg. (1917), Heft III.
Professor Dr. L. Grossmann +.
. (Amtlich)
Ein schwerer Schlag hat die Deutsche Seewarte durch den plötzlichen Tod
ihres Abteilungsvorstandes Prof. Dr. Louis Adolf Grossmann getroffen, der
am 5. Februar d. J. im Alter von 61 Jahren von einer Lungenentzündung hinweg-
gerafft wurde, nachdem er eine Woche vorher unwohl von einer Dienstreise
nach Kurland zurückgekehrt war.
Am 24. September 1855 in Brooklyn, Nordamerika, geboren, verlebte
Grossmann mit acht Geschwistern seine Kindheit in selten glücklichen Familien-
verhältnissen im elterlichen Landhause am Hudson. Gelegentlich eines Besuches
der Familie in Deutschland 1867 wurde Grossmann in Grünberg, dem Wohn-
sitze seiner Großeltern, zurückgelassen, um einige Jahre deutsche Schulbildung
zu genießen, Nach Brooklyn zurückgekehrt, besuchte er das Polytechnie Institute
bis seine Eltern 1871 in die alte Heimat übersiedelten, An der Realschule
1. Ordn. in Grünberg beständ Grossmann die Reifeprüfung Ostern 1875.
Durch seinen Oheim, den damaligen Direktor der Berliner Sternwarte Wilhelm
Förster, wurde Grossmann für Mathematik, Astronomie und Physik interessiert;
er studierte diese Wissenschaften auf den Universitäten Berlin und Breslau und
promovierte darauf am 29. Mai 1880 zum Doktor der Philosophie. .
Nachdem er 1877/78 seiner Militärpflicht genügt hatte, war Grossmann
1880-bis 1886 Assistent von Professor Müttrich an der Königl. Forstakademie
in Eberswalde. Am 5. Juli 1886 siedelte er nach Hamburg über, um hier an
der Abteilung III der Deutschen Seewarte zunächst als Hilfsarbeiter, dann als
Assistent tätig zu sein, bis er am 1. Oktober 1907 Nachfolger von Professor
Dr. van Bebber in der Stellung des Vorstehers dieser Abteilung wurde. In
dieser Stellung hat er deren Aufgaben — Wettertelegraphie, Sturmwarnungs-
wesen und Meteorologie der deutschen Küste — mit unermüdlichem Eifer und
bestem Erfolg gefördert. Dem anstrengenden Dienste, der besonders durch die
Hinzufügung einer landwirtschaftlichen Abteilung herangewachsen war, die er
mitzuverwalten hatte, widerstand Grossmanns feste Gesundheit so gut, daß er
ihn in früheren Jahren fast ohne jede andere Unterbrechung als die alljährlichen
Inspektionsreisen längs der deutschen Küste versah. Dem größeren Publikum
wurde er besonders durch die autographierten täglichen Wetterberichte bekannt,
die selten eine andere als seine Unterschrift trugen. Am 29. Oktober 1904 er-
hielt er den Professortitel., Sa
Die große Leistungsfähigkeit unseres zu früh dahingegangenen Kollegen
äußerte sich sowohl in der täglichen Arbeit an den Wetterberichten auf dem
Telegraphenamt und auf der Seewarte, als in der Erledigung einer weitläufigen
Korrespondenz, die mit dem Ausbruch des Krieges noch viel verwickelter wurde,
Er war ein außerordentlich pflichttreuer und fleißiger Beamter, Daneben fand
er noch Zeit, eine große Reihe von wissenschaftlichen Abhandlungen zu ver-
fassen; die Liste der wichtigsten fügen wir hier an. Neben statistischen Arbeiten
über das Klima der deutschen Küste auf Grund der Beobachtungen der Stationen
der Seewarte und über das Auftreten der Stürme an diesen sind es besonders
Fragen, die eine sehr exakte mathematische Durcharbeitung verlangen, denen er
sich gern zuwandte; so die barometrische Höhenformel, die Psychrometerformel,
der ablenkende Einfluß der Erdrotation. Gerade die Schwierigkeiten der scharfen
Begriffsbildung in diesen schon vielfach behandelten Fragen und die Not-
wendigkeit ihrer Überwindung für den Fortschritt der Meteorologie reizten ihn.
Im persönlichen Umgang wax er wegen seiner großen Liebenswürdigkeit,
der völligen Freiheit von kleinlichem Ehrgeiz und der offenen Schlichtheit
seines Wesens bei seinen Mitarbeitern und allen, die ihm im Leben nahetraten,
sehr beliebt, Im Freundeskreise und in der Familie bereitete seine musikalische Be-
Ann. d. Hydr. usw. 1917. Heft IIT.