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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 44 (1916)

v. Hasenkamp, H.: Die Untersuchungen von Guyou über die scheinbdre Schwere an Bord usw. 85 
Deck heftig gegen die Füße, mitunter scheint es unter den Füßen wegzusinken; 
die Stärke dieser Eindrücke kann eine Vorstellung von der Größe der Ver- 
änderungen geben, die das scheinbare Gewicht der an Bord befindlichen Gegen- 
stände erleidet, 
Den Änderungen der Intensität vor allem, weniger denen der Richtung 
der scheinbaren Schwere, schreibt Guyou auch die Entstehung der Seekrankheit 
zu. Unter dem Einfluß dieser Änderungen sollen die inneren Organe auf die sie 
tragenden Bänder. und Membranen unaufhörliche Zerrungen ausüben, die zu 
schwach, um eigentlich schmerzhaft zu sein, dennoch ein allgemeines Übelbefinden 
bewirken. 
Die Erleichterung, die der Kranke fühlt, wenn er sich hinlegt, würde hier- 
nach dadurch zu erklären sein, daß in dieser Lage die inneren Organe auf den 
Wänden der Bauchhöhle ruhen und nicht mehr die erwähnten Zerrungen be- 
wirken können‘). 
Das Ergebnis der bisherigen Betrachtungen läßt sich dahin aussprechen, 
daß ein Pendel von kurzer Schwingungsdauer den Vorteil hat, daß es den Gegen- 
ständen erlaubt, sich jeden Augenblick in die scheinbare Vertikale einzustellen, 
ebenso wie in der Ruhe in die wahre, Man erreicht dadurch den Zweck, den 
man sich in der Annahme vorgesetzt hatte, daß sie während der Bewegung 
wirklich vertikal blieben, Man muß sich aber sehr hüten zu glauben, daß kurze 
Pendel und Flüssigkeitsoberflächen auch nur eine angenähert vertikale Richtung 
an Bord angeben können. 
Bisher war noch nicht von einer Bestimmung des numerischen Wertes der 
scheinbaren Schwere an einem bestimmten Punkte des Schiffes die Rede; das 
beste Verfahren hierzu ist das von dem Admiral Mottez (Revue maritime et 
coloniale, T. XLVII, 86) zuerst angewandte; er hängte zu diesem Zwecke an dem 
betreffenden Orte ein Gewicht von ungefähr 10 kg an einem gewöhnlichen 
Dynamometer auf, so daß der Zeiger dieses Instrumentes jeden Augenblick das 
scheinbare Gewicht gab. Dessen Verhältnis zum wahren Gewicht gibt dann das 
Verhältnis der scheinbaren zur wahren Beschleunigung der Schwere. Die Schwan- 
kungen betrugen in der Mitte des Schiffes und ohne merkliches Stampfen etwa 
ein Fünftel der wahren Beschleunigung. 
Die Richtung der scheinbaren Schwere in Beziehung zum Schiffe erhält 
man leicht durch ein kurzes Pendel; aber um sie in Beziehung zur Richtung 
der wahren Vertikalen zu erhalten, muß man gleichzeitig die wahre Neigung 
des Schiffes und die des Pendels gegen das Schiff beobachten. Bei so schnellen 
Bewegungen können gleichzeitige Beobachtungen nur von einem einzigen Beob- 
achter erhalten werden; auch ist es schwer, hierbei die Kimm zu benutzen. In- 
dessen kann man an Orten des Schiffes, wo man während der ganzen Bewegung 
den Horizont sehen kann, das folgende Verfahren benutzen, wenn das Schiff 
quer zur See steht und die scheinbare Vertikale sich also in der Querschiffsebene 
befindet, 
Auf einen kardanisch aufgehängten Peilkompaß, dessen Zapfen zur Er- 
höhung der Bewegungsfreiheit durch Schneiden ersetzt sind, stellt man in der 
Querschiffsrichtung ein gewöhnliches Diopter auf. Quer zu dessen Okular bringt 
man einen feinen Faden an; auf dem Objektivende befindet sich ein anderer 
Querfaden in solcher Höhe, daß bei ruhigem Schiff die durch beide Fäden gelegte 
Ebene durch die Kimm geht. Auf der Innenseite des Objektivendes sind ober- 
und unterhalb des Fadens sehr feine weiße Striche gezogen, die Neigungen von 
2° zu 2° entsprechen. Wenn man nun die Kimm mit dem Okularfaden visiert, 
ohne den Apparat zu berühren, kann man jederzeit auf dem Objektivende die 
Neigung der scheinbaren zur wirklichen Vertikalen ablesen. 
+) Zu der oben mitgeteilten Ansicht Guyous über die Seekrankheit ist zu bemerken, daß 
deren Entstehungsweise bis jetzt noch nicht ganz aufgeklärt ist; einige Autoren schreiben sie einer 
direkten Einwirkung auf das Gehirn zu, andere Zirkulationsstörungen, vorzüglich im Gehirn, wieder 
andere, ähnlich wie oben, Verschiebungen und Druckänderungen der Organe in der Bauchhöhle, Vgl. 
2 Ds Die Seekrankheit, in Nothnagels Spezieller Pathologie und "Fherapie,. Bd. 12. 
jen 1896.
	        
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