Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1916.
Hat das Fahrzeug keine fortschreitende Bewegung, so kann man sich um
jeden seiner Punkte einen kleinen Bereich denken, dessen Punkte nach Größe
und Richtung nahezu dieselbe Geschwindigkeit und dieselbe Beschleunigung
haben; d.h, innerhalb eines kleinen Bereiches ist die Beschleunigung y überall
parallel und gleich.
N Aus diesen Darlegungen ergibt sich eine Reihe von Folgerungen, die die
Ahnlichkeit der Wirkungen der scheinbaren Schwere mit denen der wahren
deutlich hervortreten lassen:
Kurze Pendel. Hängt man eine Bleikugel mit einem sehr kurzen Faden
an einem Nagel des Fahrzeugs auf, so ist die Richtung und Größe des Zuges
der Kugel auf den Nagel durch die Richtung und Größe der Spannung des
Fadens gegeben; ist der Faden sehr kurz, so wird die Kugel nahezu dieselbe
Beschleunigung wie der Nagel haben, ihr Zug wird also die scheinbare Schwere
darstellen,
Selbstverständlich gilt dies nicht mehr, wenn die Kugel einen plötzlichen
Stoß erhält; aber ebenso wie ein kurzes ruhendes Pendel nach einer Erschütterung
rasch seine vertikale Lage wieder einnimmt, beruhigt sich auch hier die Bewegung
bald, und der Faden stellt sich in die Richtung der scheinbaren Vertikalen
und folgt ihr in ihren Lageänderungen. Bei einer allzu plötzlichen Anderung wird
dies bewegliche Gleichgewicht augenblicklich gestört und stellt sich von neuem her.
Flüssigkeiten in kleinen Gefäßen. Bei geringer eigener Bewegung der
Flüssigkeit in dem Gefäß kann man annehmen, daß die Geschwindigkeiten und
folglich die Beschleunigungen der Teilchen der Oberfläche immer gleich und
parallel der Beschleunigung des Punktes des Fahrzeuges sind, wo das Gefäß aufgestellt
ist; alsdann steht die freie Oberfläche der Flüssigkeit senkrecht zur
scheinbaren Schwere.
Flüssigkeiten in aufgehängten Gefäßen. Ein aufgehängtes Gefäß stellt ein
kleines Pendel dar, das sich während der Bewegung in die Richtung der scheinbaren
Schwere einstellt, wie in der Ruhe in die der wahren; die freie Oberfläche
der Flüssigkeit steht in beiden Fällen senkrecht zu der einen wie der andern,
so daß die Flüssigkeit während der Bewegung in denselben Grenzen bleibt, wie
wenn das ganze System in Ruhe wäre. Auch in diesem Falle bedarf es eines
kleinen Gefäßes und eines kurzen Aufhängefadens, damit sich vorübergehende
Störungen durch plötzliche Änderungen der scheinbaren Schwere rasch beruhigen,
Unterstützte Gegenstände. Da auf einen unterstützten Körper ebenfalls
statt der wahren die scheinbare Schwere wirkt, so wird er auf seiner Unterlage
herabgleiten, wenn die tangentiale Komponente dieser Kraft größer ist als die
Reibung beim Übergang in die Bewegung. Die Richtung der scheinbaren Schwere
und ihre Intensität zeigen sich hier als unabhängig von der wahren Neigung
der Ebene, der der Punkt angehört, auf dem das betrachtete Objekt ruht; das
Weggleiten geschieht in dem Sinne der scheinbaren Neigung, die, wie sich später
zeigen wird, der wahren gerade entgegengesetzt sein kann.
Aufgehängtes Quecksilberbarometer. Das aufgehängte Barometerrohr stellt
sich in die Richtung der scheinbaren Vertikalen, die Höhen der Quecksilbersäule
sind umgekehrt proportional der scheinbaren Beschleunigung der Schwere.
Ist in der Tat der Luftdruck konstant, so muß es ebenfalls der Druck des
Quecksilbers sein; in der Bewegung ist dieser Druck gleich my, also ist bei
konstantem Druck m, d. h. die Barometerhöhe, umgekehrt proportional 7.
Personen in aufrechter Stellung. Wir haben uns bisher nur mit Körpern
beschäftigt, die so klein sind, daß man ihre Dimensionen vernachlässigen kann;
das genauere Studium der Wirkungen auf Körper von größeren Dimensionen
würde uns zu weit führen. Wir beschränken uns deshalb darauf, hier festzustellen,
daß eine Person, um aufrecht zu stehen, ihren Körper fortwährend so
halten muß, daß die durch dessen Schwerpunkt gehende scheinbare Vertikale
innerhalb der durch die Füße gebildeten Grundfläche fallen muß; sie muß also
die Füße auseinander spreizen, oder wenn diese geschlossen bleiben, den Körper
entsprechend neigen.