30
Anmnalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1916.
schieds zwischen Simpsons und meiner Zahlenreihe kaum heranzuziehen, da
hierzu viel besser bekannte Einflüsse genügen. -
Auf S. 2 meines Aufsatzes im »Archiv der D. Seewarte« von 1898 habe
ich als erste Bedingung für einen maßgebenden Vergleich dieser Art bezeichnet:
»Schätzung und Messung müssen sich auf dasselbe beziehen, d.h. der Schätzende
muß denselben Wind beobachten, den das Anemometer mißt«.
Die Schätzung der Windstärke geschieht auf See nach dem Zustand der
Meeresoberfläche und nach der Segelführung und Fahrt von Segelschiffen, auf
dem Lande nach der Wirkung des Windes auf Baumkronen, seltener auf Flaggen
oder auf den Körper des Beobachters — letzteres zumeist auf einem Hügel oder
Hausdach, Die Messung geschah bei den von mir benutzten Vergleichungen:
auf dem Meere bei zwei Reihen mit Handanemometern an Deck oder in
den Wanten, bei der dritten auf dem Ruderhause;
an der deutschen Küste mit Anemometern, deren Schalenkreuz sich 1 bis
2m über dem Dach eines so frei, als den Umständen nach möglich war, ge-
legenen Gebäudes befand; am freiesten in Hamburg, mittelmäßig frei in Borkum ‘!),
Swinemünde und Neufahrwasser, in Keitum bei den späteren, von Hugo Meyer
bearbeiteten Aufzeichnungen aber von den Wipfeln benachbarter allmählich her-
angewachsener Bäume bereits etwas überragt;
an der norwegischen Küste an Wildschen Windfahnen, die sich in Prestö
auf einem Hausgiebel 11 m über dem Boden, an den übrigen vier Orten zwar
in freier Lage, aber nur 1 bis 5 m über dem Boden, befanden;
diese Messungen beziehen sich also auf dieselbe Luftschicht, aus der auch
die Schätzungen stammen; über die von mir benutzten englischen Vergleichungen
spreche ich weiter unten.
Alles in allem beruhen meine Endwerte auf den Schätzungen von mindestens
45 Personen, Das ist wichtig, denn unser Zweck ist nicht, die Auffassung eines
einzelnen Beobachters, sondern nach Möglichkeit die durchschnittliche Auffassung
aller die dreizehnteilige Skala benutzenden Beobachter festzustellen, natürlich
vorzugsweise der erfahrenen und in günstiger Lage befindlichen.
Dagegen ist die Zahlenreihe von Simpson an fünf Orten von nur 5 Beob-
achtern gewonnen, von denen zwei — in Oxford und N. Shields — wenig be-
weisend sind, weil sie ihre Schätzungen größtenteils nach der Bewegung des
Schalenkreuzes selbst machten. Auch haben diese zu den höheren Windstärken
wenig Material geliefert und sind, da zur Mittelbildung alle Beobachtungen ohne
Unterschied der Station vereinigt wurden, bei diesen von wenig Einfluß auf das
Ergebnis. Dieses stellt also im wesentlichen die Auffassung von nur drei Beob-
achtern dar; dadurch wird sein Gewicht, trotz der großen Zahl der Aufzeichnungen
und ihrer sorgfältigen Bearbeitung, sehr verringert.
Wir wollen indessen annehmen, daß diese drei oder fünf Personen in ihren
Schätzungen als gute Vertreter des normalen oder durchschnittlichen Beob-
achters gelten können, Aber die Anemometer befanden sich wohl in allen Fällen
in einer anderen, und zwar rascher strömenden Luftschicht, als der die Schätzungen
entnommen wurden. Von Shields und Oxford gibt dies Simpson ausdrücklich
an. Die Anemometer an allen fünf Orten sind außerordentlich frei aufgestellt.
Ganz besonders gilt dies von den neueren Druckrohr-Anemometern von Dines
zu Secilly und Holyhead, deren aufnehmende Spitze an dünnen Masten mehr als
12 m über den ebenen und anscheinend von Bäumen und Häusern freien Boden
emporgetragen ist, Diese Höhe ist zwar bei Simpson nicht angegeben, wohl
aber im Jahresbericht des Met. Comm. für 1896. Ihre Schätzungen machen der
Beobachter auf Scilly nach dem Verhalten des Meeres und der Fischerboote, der
von Holyhead nach dem einer Flagge der Küstenwache, deren Höhe und Lage
nicht angegeben ist. Wenn auch die Zunahme der Windgeschwindigkeit mit der
Höhe auf dem Meere viel geringer ist, als auf dem Lande, darf man doch an-
nehmen, daß dieselbe in dieser bedeutenden Höhe größer ist, als an der Meeres-
oberfläche in der Nähe der Küste,
‘) Die Übertragung des Anemometers zu Borkum auf den alten Leuchtturm geschah erst
riel später