>
a4l.
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1916.
Der Gebrauch gnomonischer Karten in der Nautik.
Von A, Wedemeyer, Schlachtensee,
In der Nautik werden gnomonische Karten nur zur Bestimmung des Groß-
kreises zwischen zwei Punkten der Erdoberfläche benutzt, da nur in solchen
Karten alle Großkreise als gerade Linien dargestellt werden!), Kapitänleutnant
Nees von ‚Esenbeck hat ihren Gebrauch 1876 vorgeschlagen. Er entnimmt
der gnomonischen Karte eine Anzahl Schnittpunkte des Großkreises mit den
Meridianen und überträgt sie auf die Seekarte. Das Hydrographie Office,
Washington, hat seit einem Vierteljahrhundert fünf solcher Karten für die Ozeane
herausgegeben, auf denen ausführliche Gebrauchsanweisungen vorgedruckt sind.
»Da aber diese Karten weder längen- noch winkeltreu sind, ergeben sich bei den
Distanz- und Kursmessungen umständliche Hilfskonstruktionen«, urteilt darüber
P. Riebesell in dieser Zeitschrift, 1916, S. 283. Diese Behauptung ist unrichtig:
1. auch in längentreuen Karten kann man Entfernungen im allgemeinen ebenso-
wenig messen, wie in nicht längentreuen, worauf schon die Schulbücher hinweisen,
z. B. M. Groll, Kartenkunde, Leipzig 1912, II. Teil, S. 69; 2. in winkeltreuen
Karten kann man die Winkel zwischen zwei Großkreisen nicht ohne Hilfskon-
struktionen messen, da die Kartenbilder der Großkreise nicht gerade Linien,
sondern Kurven sind; 3. umständliche Hilfskonstruktionen sind auf den gnomo-
nischen Karten ebensowenig notwendig, wie auf anderen zenitalen Karten, Hierauf
hat zuerst G:D. E. Weyer (Bericht über die neuen amerikanischen Seekarten in
gnomonischer oder Zentralprojektion für die Schiffahrt im größten Kreise) in
dieser Zeitschrift 1890, S. 171, und 1892, S. 186 aufmerksam gemacht. Seine Ver‘
besserungsvorschläge sind bereits 1891 auf den amerikanischen Karten ausge-
führt worden. H, Florian hat ebenfalls in Mitt. a. d. Gebiete des Seewesens, 1898,
S.1 und 1900, S. 354, die Verbesserungsvorschläge von Weyer verwertet, Hans
Maurer hat in dieser Zeitschrift, 1904, S. 355 bis 367, dargetan, daß diese
Konstruktionsarten nicht nur auf gnomonischen, sondern auf allen zenitalen
Kartenentwürfen Verwendung finden können, Er gibt dort auch an, wie man
auf Aquatorialentwürfen ohne Benutzung des Diagramms der amerikanischen
Karten (eines Ausschnittes aus der Littrow-Weirschen winkeltreuen Karte, die,
wie ich 1910 nachgewiesen habe, ein Sonderfall der Lambert-Lagrangeschen
winkeltreuen Kreisnetze isf), nur unter Anwendung eines gewöhnlichen Winkel-
messers, Anfangs- und Endkurs des Großkreises finden kann. Die ausführlichste
Literatur (mit vielen Figuren und Karten) über das Segeln im größten Kreise
hat G., W, Littlehales unter dem Titel: The development of Great Circle Sailing,
2. ed, United States Hydrograäphic Office No. 90, Washington 1899, veröffent-
licht. August Roth hat die wichtigsten Teile dieser Arbeit ins Deutsche über-
tragen (Studie über die Schiffahrt im größten Kreise, Ann. d. Hydr. 1904, S. 375
bis 385). Da der Name Littlehales nie erwähnt wird, muß ich annehmen, daß
Roth Originalarbeiten vorgelegen haben. Mir war es unmöglich, diese Originale
einzusehen, Neuerdings hat G. W. Littlehales unter dem Titel: Finding the
course in Great Circle Sailing (United States Naval Institute Proceedings, Vol. 42,
No. 163, 1916, S. 920 bis 924) unter Benutzung eines vielleicht zuerst von Major
A. H. Deichmann (Neue Tafeln zur Erleichterung der Praxis des Segelns im
größten Kreise, Hannover 1856), dann von Gustave Herrle (Gnomonic Chart
for use in Great Cirele and Windward Sailing, Washington 1881) und Ende der
achtziger Jahre allgemein auf den amerikanischen Karten praktisch angewandten
Kunstgriffes gezeigt, wie man die Kurse aus einer kleinen Azimuttafel, die auf
die Karte gedruckt werden kann, ohne Mühe so genau, wie es die Karte erlaubt,
ablesen kann.
In den Lehrbüchern der Kartographie wird das Messen von Strecken und
Winkeln in wesentlich anderer Form unter Anwendung der Infinitesimalrechnung
1) Aus den gnomonischen Karten lassen sich zwar unzählige Abarten ähnlicher Entwürfe ab-
leiten, in denen die Großkreise als Gerade abgebildet werden. Weil solche Karten nicht zenital sind,
wodurch ihr Gebrauch zum Messen erschwert wird. kommen sie für die Schiffahrt nicht in Frage.