Köppen, W.: Die vertikale Gliederung der täglichen Windperiode in Cyklonen’ und Anticyklonen, 541
groß sein. Alleim schon der Versuch einer ungefähren Nachbildung der beob-
achteten Tatsachen auf Grund mehr oder weniger begründeter Voraussetzungen,
wie ich ihn 1907!) durchgeführt habe, scheint mir zur Klärung nicht ohne Wert
zu sein,
Daß eine solche Nachbildung uns im besten Falle nur eine Möglichkeit,
keine bewiesene Wirklichkeit liefern kann, ist selbstverständlich. Dennoch ist sie
besser, als das Spekulieren mit gänzlich unbestimmten Quantitäten,
Der damalige Versuch führte zu einer kräftigen Tagesschwankung . der
Windstärke am Boden mit mittäglichem Maximum und zu einer schwachen um-
gekehrten Schwankung oberhalb 120 m Höher, Eine Reihe von Proben zeigte
jetzt, daß man zu einer Umkehrung von so überraschend großer Amplitude
schon in 124 m Höhe, wie sie sich hier in Antieyklonen findet, auf diesem Wege
nur dann gelangen kann, wenn man annimmt, daß der‘ Austausch in dieser
Höhe um 8% morgens fast ausschließlich mit den unteren langsam fließenden
Luftschichten am Boden stattfindet und erst gegen Mittag auch die darüber-
liegenden Schichten hineingezogen werden. Daß der vertikale Luftaustausch, so-
weit er durch die Erwärmung der Bodenoberfläche bedingt ist, zuerst nur in
den untersten Schichten einsetzt und langsam höher rückt, ist an sich begreiflich
und die Zunahme der Windgeschwindigkeit in 82 bis 124 m Höhe am späteren
Vormittage daher nicht so befremdend. Dagegen ist das zweite Minimum der
Windstärke gegen 5b N auffällig, das am 22, bis 25. Juni so stark ausgeprägt ist;
denn da die Abkühlung durch die Ausstrahlung der Bodenoberfläche erfolgt, so
muß man erwarten, daß die untersten Luftschichten zuerst aus dem Luftwechsel
ausscheiden‘ und die Schichten von 100 bis 200 m über dem Boden daher von
deren verlangsamendem Einfluß früh befreit werden sollten. Tatsächlich zeigt
sich dieses zweite Minimum am 26. bis 30. April kaum; die Isanemonen dieser
Pentade auf unserer Tafel stimmen sehr nahe mit‘ den von Hergesell im
Aßmann-Heft der Zeitschrift »Das Wetter« (S. 6) veröffentlichten mehrjährigen
von Straßburg.
Für das Vorhandensein einer von der Espy-Köppenschen Theorie un-
abhängigen täglichen Periode der Windstärke auch in unseren Breiten spricht
scheinbar die wenn auch sehr geringe, doch recht allgemeine Abschwächung
des Windes am Tage auf dem Meere?), Allein dort ist auch stets die tägliche
Temperaturschwankung in der Luft stärker gefunden worden, als in der Ober-
fläche ihrer Unterlage; und wenn auch durch Strahlungsfehler in der Luft und
durch das Schöpfen des Wassers mit der Pütze dieser Unterschied sicherlich
übertrieben wird, so dürfte er doch, der Art nach, auf Wirklichkeit beruhen.
Dann muß aber auch die Labilität der untersten Luftschicht auf dem Meere in
der Nacht etwas größer sein als am Tage, so daß die Umkehrung der Festlands-
periode der Windstärke auf ihm wohl keiner anderen Erklärung bedarf.
Fragen wir nun, welche Eigenschaft der Cyklonen und Antieyklonen diesen
Gegensatz in der vertikaler Gliederung der täglichen Windperiode bewirken
mag, so kommen dafür vor allem Bewölkung und vertikale Temperaturverteilung
in Betracht.
Wie gewöhnlich, so waren auch in diesen Fällen die. Cyklonen von stark
bewölktem, die Anticyklonen von heiterem Wetter begleitet, und zwar in sehr
ausgesprochener Weise. Wir haben es also im letzteren: Falle mit starker, im
ersteren mit schwacher Aus- und Einstrahlung am Erdboden zu tun, \
Die vertikale Temperaturverteilung in diesen Tagen kennen wir leider
nicht, da vorläufig in Eilvese nur ein Thermohygrograph in 2 m Höhe in Gang
ist. Wir können deren Gestaltung nur vermuten; und da drängen uns die in
Eilvese gefundenen Tatsachen folgendes Bild als sehr wahrscheinlich auf:
1. In der Cyklone eine Tag und Nacht fortdauernde, in der Nacht .nur
1) Meteorol. Zeitschr. 1907, S. 169. Der Versuch ist sehr unvollkommen, da er als Mischungs-
Elemente die den betreffenden Luftschichten bei Isolierung zukommenden Geschwindigkeiten, statt der
augenblicklich bestehenden, nimmt und als Mischungsergebnis deren arithmetisches Mittel; dennoch
halte ich ihn für nützlich. .
2) Vgl. Hellmann in Meteorol. Zeitschr, 1915, S. 12 bis 15.