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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1916.
R. v. Sterneck, Hydrodynamische Theorie der halbtägigen Gezeiten
des Mittelmeeres.
Von Dr. A, Defant.
(Hierzu Tafel 13.)
Im Novemberheft des Jahrganges 1913 dieser Zeitschrift habe ich über eine
Abhandlung R. v. Sternecks: »Zur Theorie der Gezeiten des Mittelmeeres« berichtet,
in welcher zur Erklärung der halbtägigen Gezeiten dieses Meeres die Gleich-
gewichtstheorie herangezogen wird und in welcher gezeigt wird, daß die nach
ihr berechneten Hubhöhen mit den beobachteten hinsichtlich der Größenordnung
in guter Übereinstimmung sind; ferner wurde darauf hingewiesen, daß die
einzelnen Teile des Mittelmeeres miteinander in mannigfachen, bis dahin ganz
unbeachteten Wechselbeziehungen stehen, indem gewisse Wassermengen während
der halben Gezeitenperiode durch jede der einzelnen Meeresstraßen in einer be-
stimmten Richtung hindurchströmen, in der nächsten halben Periode aber in
umgekehrter Richtung zurückströmen. Hierdurch finden Veränderungen in der
Lage der Oberflächen der einzelnen Becken statt, die v. Sterneck in erster
Näherung als Parallelbewegung auffaßte, Durch das Hinzutreten einer der-
artigen Parallelbewegung zur selbständigen Gezeitenkomponente des westlichen
Mittelmeerbeckens ließ sieh unter anderem auch die so sehr exzentrische Lage
der spanisch-algerischen Knotenlinie in der Hauptsache befriedigend erklären.
Die zugrunde gelegten Wasserschiebungen wurden aber in der genannten Arbeit
selbst nicht theoretisch erklärt, sondern nur aus den Beobachtungen abgeleitet,
einerseits aus Strömungsbeobachtungen in den Straßen von Gibraltar und Messina,
anderseits durch Vornahme einer Wasserbilanz auf Grund der beobachteten
Amplituden der Gezeitenbewegung.
In einer vor kurzem in den Sitzungsberichten der Kaiserlichen Akademie
in Wien erschienenen Abhandlung R. v. Sternecks'!), die den oben angeführten
Titel führt, wurde zunächst die Gleichgewichtstheorie durch die den’ hydrodyna-
mischen Differentialgleichungen entsprechende Kanaltheorie ersetzt, die außer
der Lage der Niveaufläche auch die Trägheit des Wassers berücksichtigt und bei
einigen naheliegenden Modifikationen eine direkte Anwendung auf die selb-
ständige Komponente des Schwarzen Meeres und jedes der beiden großen Mittel-
meerbecken gestattet, wobei die in der früheren Abhandlung berechneten Perioden
der Eigenschwingungen als Grundlage dienten. Ferner wurde auch die gegen-
seitige Beeinflussung der einzelnen Meeresteile wesentlich genauer als bisher
untersucht und die Parallelbewegung durch jene komplizierteren Schwingungs-
formen ersetzt, die sich unter der Annahme des Mitschwingens mit einer
äußeren Gezeitenbewegung aus den hydrodynamischen Differentialgleichungen
ableiten lassen.
Schließlich wurden auch die durch die einzelnen Meeresstraßen in der halben
Gezeitenperiode hindurchgeschobenen Wassermengen auf Grund der Differential-
gleichungen selbst theoretisch erklärt, so daß die in dieser Arbeit entwickelte
Theorie überhaupt keine andere empirische Beimengung mehr enthält als die am
westlichen Ende der Gibraltarstraße vorausgesetzte Koinzidenz mit der daselbst
beobachteten Gezeitenbewegung des Atlantischen Ozeans, die eine zu den Diffe-
rentialgleichungen hinzukommende Anfangsbedingung darstellt.
Dies ist im Wesen der Inhalt der v. Sterneckschen Arbeit. Die Gezeiten
des Adriatischen Meeres sind nicht weiter berücksichtigt worden; ihre Theorie
ist in früher erschienenen Abhandlungen, die hier besprochen wurden?), festgelegt
und ihr ist nichts mehr hinzuzufügen. Bei dem Agäischen Meere, das als Becken
des östlichen Mittelmeerbeckens aufgefaßt wird, tritt der besondere Fall ein, daß
es eine von der Periode der die Gezeiten erzeugenden Kräfte (12.3 Stunden)
nicht stark abweichende Eigenperiode besitzt, so daß der Fall des Mitschwingens
') Sitzungsbericht der Wiener Akademie, 124, Band 9. Heft, 1915.
?) Diese Zeitschrift. Mai 1914. dann Oktober 1914 und Februar 1916.