Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1916.
Der Fehler beträgt also bei dem vorgeschlagenen Kalender in gewöhnlichen
Jahren nur in 3 Monaten, in Schaltjahren in keinem einzigen mehr als !/, Tag, während
dies im jetzigen Kalender in gewöhnlichen Jahren in 9, in Schaltjahren in 3 Monaten
der Fall ist.
Die Änderung des Datums, die beim Vergleich des Gregorianischen mit dem
Julianischen Kalender eine so große Rolle spielt, wäre bei Einführung dieses Reform-
Kalenders nur sehr gering. Vom 1. September bis zum 29. Februar bliebe das
Datum unverändert, in den übrigen 6 Monaten verringerte es sich in gewöhnlichen
Jahren im März und Mai um 2, im April, Juni, Juli und August um 1 Tag. In Schalt-
jahren wäre die Änderung in diesen 6 Monaten nacheinander nur 1,0, 1,0, 1 und 1 Tag
rückwärts. Alle anderen Reformvorschläge bedingen größere Datumänderungen.
Wie Ostern stets auf dasselbe Datum, so würden das Weihnachts- und
Neujahrsfest bei dieser Neuordnung stets auf denselben Wochentag fallen, während
sie jetzt bald als Sonntage verschwinden, bald zwei Arbeitswochen nacheinander
in der Mitte schneiden und halb zerstören. Was.dieses Schwanken z. B. für den
Eisenbahndienst bedeutet, kann man sich leicht vorstellen, wenn man bedenkt,
daß die Erfahrungen eines Jahres über den Weihnachtsverkehr auf das nächste Jahr
nicht zu verwenden sind, weil dieser Verkehr sich, je nach der Lage zum Sonntag,
ganz verschieden abspielt.
Die Geschichte dieses Vorschlages ist kurz folgende. Er wurde in den Jahren
1885 bis 1910 ganz unabhängig voneinander in, vom Schalttag abgesehen, genau
übereinstimmender Weise von drei Deutschen und einem Franzosen aufgestellt!).
Kurz darauf haben ein Schweizer und ein Schotte?) die Vorzüge dieses Vorschlags
vor den von ihnen bis dahin vertretenen offen anerkannt und haben ihn, ebenso wie
ein Amerikaner?) warm empfohlen. Die wünschenswerte Internationalität ist also
bei diesem Vorschlag von vornherein vorhanden, obwohl er überwiegend deutsch
ist. Das Preisgericht der „L’Astronomie‘“ hat ihm 1887 nur den zweiten Preis
zuerkannt, den ersten aber einem Vorschlag, der den Neujahrstag als Tag ohne
Datum erklärte und eine Verschiebung sämtlicher Daten um 1 bis 3 Tage bedingte.
Dieser Wettbewerb von 1884—1887 ist merkwürdigerweise sehr bald in Ver-
gessenheit geraten und den Urhebern der 1900—1910 entstandenen Projekte
erst nachträglich bekannt geworden. Er war von einem Ungenannten (einem fran-
zösischen Abbe) ins Leben gerufen, der die leitenden Gedanken für ihn in einigen
Sätzen niederlegte, die auch jetzt wert sind, als Programm für eine vernünftige
Reform zu dienen:
a) daß die Reform einzig vom praktischen Gesichtspunkt untersucht werden
möge, wobei ihre Vorteile unzweifelhaft und so offenbar sein müssen, daß die Völker
sie leicht annehmen, ohne mit ihren Gewohnheiten zu brechen;
b) daß die Jahre sich untereinander gleichen;
c) daß die Tage des Jahres stets auf dieselben Wochentage fallen;
d) daß der erste Tag des Jahres stets ein Sonntag sei;
e) daß die siebentägige Woche und das Jahr von 12 Monaten erhalten
bleiben, aber ein besseres Gleichgewicht unter den Monaten hergestellt werde.
Eine regere Aufmerksamkeit erweckte die Frage überhaupt erst wieder,
als die Haarlemer „Maatschappij van Nijverheid‘“ im Jahre 1910 die Kalenderreform
aufs Programm des Internationalen Handelskammer-Kongresses in London brachte,
unter Bezugnahme auf das 1900 aufgestellte und 1910 wiederaufgenommene Pro-
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Pf
1) Emile Hanin, Ingenieur zu Auxerre, in der Zeitschrift „„L’Astronomie‘“ vom Jahre
1887. — Rosenkranz, Pfarrer in Seligental, Siegkreis, im Jahre 1900. — W. E. G. Büsching,
Geometer a. D. in Halle a. S., in einer Broschüre und mehreren Zeitungen im Jahre 1910. —
W. Köppen, Abteilungsvorstand der Seewarte, in zwei Hamburger Zeitungen im Mai und Juni
1910. In den Jahren 31911 und 1912 haben die letzteren drei an verschiedenen Stellen Aufsätze
über dieses Projekt veröffentlicht; so Pastor Rosenkranz in der Bonner „D. Reichs - Zeitung“,
Herr Büsching u. a. in einer größeren Broschüre (Halle bei R. Heller), der Unterzeichnete u. a.
in Esperanto-Zeitschriften und in der Berliner „Woche‘‘ 1911, Heft 45. Erst nachträglich wurde
das Vorhandensein dieser vier gleichen Entwürfe festgestellt und die Fühlung zwischen deren
Erfindern in einem recht erfreulichen Briefwechsel erreicht.
2) Rene de Saussure, Privatdozent in Genf, in „Internacia Scienca Revuo“ vom Juli
1910, S. 200. — AL Philip, Banker & Lawyer in Brechin, in seinem Buche „The Reform of the
Calendar‘, London 1914, S. 94.
3) John M. Clifford in „Science“ vom 5. Mai 1911, S. 691.