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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 44 (1916)

Ludewig, P.: Neue Beobachtungen über die Ausbreitung starker Schallwellen in der Atmosphäre. 381 
Neue Beobachtungen über die Ausbreitung ‚starker Schallwellen in der 
Atmosphäre. 
Mitgeteilt von Privatdozent Dr. P. Ludewig, Freiberg i. 8. 
XI. Einleitung. 
Bei der Ausbreitung des Schalles in der Atmosphäre treten eigentümliche 
Unregelmäßigkeiten auf. Zuerst ist man bei großen Explosionskatastrophen 
darauf aufmerksam geworden, daß das Gesamtgebiet der Hörbarkeit in eine An- 
zahl von Zonen zu zerlegen ist: Um die Schallquelle liegt zunächst ein Gebiet 
normaler Hörbarkeit bis zu einer Entfernung von rund 80 km, dann folgt eine 
Zone des Schweigens, in welcher nichts gehört wird, und darauf ein ausgedehntes 
Gebiet, in welchem der Schall wieder deutlich und stark zu vernehmen. ist 
Diese äußere anormale Hörbarkeitszone erstreckt sich von etwa 150 bis 230 km. 
Alle diese Zahlen sind aber nur runde Werte, die sich bei den verschiedenen, 
Beobachtungen sowohl nach oben wie nach unten hin in gewissen Grenzen ver- 
schoben haben. Auch ist bis jetzt noch nicht festgestellt worden, ob diese Zonen 
sich vollkommen kreisförmig um die Schallquelle herumlegen; vielmehr scheint 
bei manchen. Beobachtungen eine einseitige Entwicklung vorhanden gewesen 
zu sein, 
Die Erklärung dieser Erscheinung ist für die meteorologische Forschung 
von großer Wichtigkeit. v.d. Borne u. a. nehmen an, daß an der Wasserstoff- 
schicht, die in 70 km Höhe beginnt, eine Reflektion der Schallwellen eintritt und 
daß die durch Totalreflektion gebeugten Schallstrahlen in die äußere anormale 
Zone gelangen, während die Zone normaler Reichweite die Schallstrahlen auf 
direktem Wege empfängt. Daß zwischen beiden eine Zone des Schweigens vor- 
handen ist, würde sich aus der Erscheinung der Totalreflektion, die erst bei 
einem bestimmten Einfallswinkel möglich ist, erklären. 
Nach W. Schmidt u. a. sind dagegen die Windverhältnisse in verschiedenen 
Höhen maßgebend. Schmidt sagt: »Die Tatsachen sprechen für eine stark 
wechselnde Ursache, und eine solche liegt in den Windverhältnissen. Nimmt der 
Wind mit der Höhe zu — der an der Erdoberfläche gewöhnlich erfüllte Fall —, 
so werden die Schallstrahlen hinter der Quelle, im Lee von dieser, nach ab- 
wärts gebogen, in Luv nach aufwärts; dort folgt eine erhöhte, hier eine be- 
deutend erniedrigte Hörbarkeit. Das letztere muß zuweilen zu vollständiger 
Ausschaltung führen, wofür neben der erwähnten allgemeinen Verteilung die 
eine Beobachtung ein außerordentlich schönes Beispiel liefert, daß vom Wiener 
Schneeberg aus, 31 km nach Südsüdwest, die Explosion!) zwar gesehen, aber trotz 
der ziemlieh geringen Entfernung nicht gehört wurde.« 
Neuerdings hat Nölke?) versucht, die Zonenverteilung durch Reflektion 
an Inversionsschichten zu erklären. Diese Theorie ist insofern beachtenswert, 
als sie eine Erscheinung berücksichtigt, auf welche man erst im Laufe des 
jetzigen Krieges aufmerksam geworden ist: Die Hörbarkeit in der äußeren 
anormalen Zone hängt von der Jahreszeit in dem Sinne ab, daß nur 
im Winter etwas zu hören ist. 
Diese Beobachtung wurde mir zuerst in zwei Briefen mitgeteilt, die mir 
unaufgefordert zugingen, nachdem ich’‘in der Kölner Zeitung vom 14, November 
1915 einen Aufsatz über die Hörbarkeit des Kanonendonners veröffentlicht hatte?). 
Da mir die Sicherstellung der Abhängigkeit der Hörbarkeit von der 
Jahreszeit von großem Wert schien, habe ich in einem Aufsatz »Kanonendonner 
und Jahreszeit« am 2. Februar 1916 in der Kölnischen Zeitung die Bitte aus- 
gesprochen, mir ähnliche Beobachtungen mitzuteilen. Ich habe daraufhin eine 
große Anzahl von Zuschriften erhalten, deren Inhalt ich im folgenden mitteile, 
damit sie von den Fachgenossen bei der weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung 
') Es handelt sich um eine Explosion in Wiener Neustadt. 
* Fr. Nölke, Phys. Ztschr. Bd. 17, S. 31, 1916. 
3) Die beiden Briefe sind veröffentlicht in der Meteorologischen Zeitschrift 1916 S. 35 Nr. 3 
and S. 37 Nr. 10.
	        
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