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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 44 (1916)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1916. 
Im Anschluß möge zum Vergleich noch die Frage behandelt werden, wie 
es sich mit der Höhe der Sturmfluten in der Ostsee verhält. Eine Antwort 
hierauf finden wir an der angegebenen Stelle bei Lentz wenigstens für die west- 
liche Ostsee, wo die Sturmfluten durch schwere Nordoststürme hervorgerufen zu 
werden pflegen, die das Wasser im Südwesten der Ostsee zusammentreiben, ent- 
sprechend der Wirkung der West- und Nordwestwinde an unserer Nordseeküste. 
Eine Untersuchung des ganz ungewöhnlich schweren Hochwassers, das die Ostsee 
unter der Einwirkung eines lange anhaltenden schweren Sturmes am 13. November 
1872 getroffen hatte, ergab als Höhe des Hochwassers über mittlerer Wasserhöhe 
für Swinemünde 1.41, Barhöft 2.92, den Fehmarnsund 2.89, Travemünde 3.32, 
Kiel 3.17, Lübeck 3.38 und für Aarösund 3.50 m. Da Lentz für die Sturmflut 
von 1825 als Höhe der Flut in Cuxhaven 3.50 m über mittlerem Hochwasser 
feststellte, schloß er, daß die äußerste Fluthöhe an der Nordsee wie an der Ostsee 
auf 31/, m über dem gewöhnlichen Wasserstand zu veranschlagen sei, sowie des 
weiteren, daß die Flutwelle keinen Unterschied in der Wirkung des Windes 
bewirkt, wie auch die Entwicklung der Flutwelle durch den Wind nicht beein- 
trächtigt wird. Jene Feststellung für die westliche Ostsee gewinnt besonders an 
Wert, wenn man folgende, die Sturmflut von 1872 kennzeichnenden Angaben von 
Lentz hinzunimmt: »Seltener sind Sturmfluten von größerer Höhe (in der Ostsee), 
und nach einer. großen Anzahl von Marken, die in Lübeck vorhanden sind und 
wahrscheinlich als maßgebend für den benachbarten Teil der Ostsee betrachtet 
werden dürfen, erreichten seit dem Jahre 1625 nur sechs Sturmfluten eine Höhe 
von mehr als 2 m über dem mittleren Wasserstande. Drei davon stiegen über 
drittehalb Meter und nur eine einzige über 3 m, nämlich die Sturmflut vom 
13. November 1872, welche die bis dahin ungeahnte Höhe von 3.38 m erreichte, 
Bei dieser Sturmflut trafen Richtung, Dauer, Ausdehnung und Stärke des Windes 
in der nach menschlichen Begriffen denkbar ungünstigsten Weise zusammen.« 
Hiernach können wir für die westliche Ostsee gewiß 31/, m über dem mittleren 
Wasserstand als äußerste Höhe der Sturmfluten ansehen; für die Nordseeküste 
müssen wir aber gegenüber Lentz nach dem obigen diese Höhe auf mindestens 
etwa 4 bis 41/, m über mittlerem Hochwasser veranschlagen. Entsprechend dem 
Umstand, daß schwere und anhaltende Nordoststürme im Gegensatz zu solchen 
aus westlichen Richtungen selten vorkommen, sind Hochwasser über dem Westen 
der Ostsee im Vergleich mit der Nordsee naturgemäß selten; gegenüber jener 
Angabe über die Zahl der bei Lübeck beobachteten Sturmfluten kann angeführt 
werden, daß in Hamburg seit 1896 im ganzen 139 Sturmfluten eingetreten sind, 
die eine Höhe von 2,8 m über N. N. und mehr erreichten. Im Gegensatz zu der 
Nordsee sind Sturmfluten in der westlichen Ostsee eine seltene Erscheinung, und 
wenn auch an der Ostseeküste im Jahre 1872 eine Fluthöhe erreicht worden 
ist, die auf !/, bis 1 m an die höchste Nordseeflut heranreichte, so sind derartige 
Wasserstände an der Ostsee doch nur auf beschränktem Gebiete aufgetreten und 
nehmen dort eine ungleich mehr vereinzelte Stellung nach Höhe und Vorkommen 
ein als an der Nordsee, Unsere Nordseeküste könnte ohne ihre Deiche nicht bestehen. 
Gewiß ist die in der Sturmflut erreichte Wasserhöhe von der Höhe der 
durch Sonne und Mond erzeugten Flutwelle abhängig; dieser Einfluß ist aber so 
verschwindend klein gegenüber der Einwirkung des Sturmes, daß dessen Richtung 
und Stärke wesentlich allein maßgebend sind. Da bisher auf Grundlage der 
Beobachtungen der Beweis noch nicht geführt werden konnte, daß das Auftreten 
der Stürme nach Häufigkeit, Richtung oder Stärke an den Mondlauf gebunden 
sei, und demnach ein solcher Zusammenhang nur ein lockerer sein kann, so 
haben wir auch nicht zu erwarten, daß das Auftreten von Sturmfluten eine Ver- 
kettung mit der Stellung des Mondes zu erkennen geben werde, Die Statistik 
der Sturmfluten hat auch dementsprechend für diese noch vielfach vertretene 
Annahme keine Bestätigung geliefert, soweit einschlägige Untersuchungen sich 
wissenschaftlicher Methoden bedient und nicht damit begnügt haben, diejenigen 
Fälle (Sturmfluten und Stürme) herauszuheben, die der zu erweisenden Behaup- 
tung günstig waren, und die übrigen Fälle unberücksichtigt zu lassen.
	        
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