374 _ Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1916,
setzte allerdings erst starker Südoststurm ein, der nach und nach in einen Orkan ausartete. Der Wind
drehte gegen 7 Uhr abends auf West, und dadurch wurden ungeheure Wassermassen in das Watten-
meer hineingetrieben. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn behauptet wird, daß seit 1825 der gestrige
Tag für Wyk die höchste Sturmflut gebracht hat. Am Strande, namentlich am Damenbad, ist sehr
viel Schaden angerichtet; auch das Familienbad hat schwer gelitten. Am meisten gefährdet war aber
das Leuchtfeuer in der Nähe des Damenbades. Der Leuchtturm wurde gänzlich freigelegt und zeigt
eine bedenkliche Neigung nach der einen Seite, so daß man ihn beinahe mit dem schiefen Turm von
Pisa vergleichen kann. Schwer gelitten haben auch in Wyk die Häuser in der Hafenstraße und die
(jarten sowie die Kellerräume von Deppes Hotel; ebenfalls die kleine Marsch ist unter Wasser gesetzt.
Die Wege, die bereits für den kommenden Sommer wieder hergerichtet waren, sehen trostlos aus;
besonders die Strandpromenade wird große Kosten verursachen. Der vor mehreren Jahren erbaute
Zementdeich ist ebenfalls an verschiedenen Stellen schwer beschädigt.
Sturmflut auf Föhr. Von einem schrecklichen Unwetter wurden gestern wieder die Inseln
und Nordsecküsten heimgesucht. Ein Sturm, gegen den sich erwachsene Menschen kaum behaupten
konnten, brauste aus Westen über Land und Meer. Mit elementarer Gewalt wurden große xesunde
Bäume in den Dörfern entwurzelt, Dächer beschädigt, Reth, Ziegel und Schiefer prasselten zur Erde
und machten zeitweise den Verkehr im Freien lebensgefährlich. Um 1!/,8 Uhr abends mußte das Wyker
Elektrizitätswerk wegen der ständigen Kurzschlüsse zum Schutze der inneren Einrichtungen das
Leitungsnetz stromlos legen, wodurch in allen Häusern in Wyk und Boldixum Dunkelheit herrschte,
bis eine notdürftige Beleuchtuug durch Petroleum wiederhergestellt werden konnte. Währenddessen
brauste und heulte der Sturm in immer stärkeren Böen über unser kleines Kiland. Gegen 10 Uhr
hatte der Wasserstand schon eine besorgniserregende Höhe angenommen, Feueralarm rief in Wyk die
Mannschaften zur Hilfeleistung nach der Hafenstraße, wo Sandsäcke gepackt werden sollten. Es war
aber nicht möglich, gegen das Wasser anzuarbeiten, man mußte vor dem die Hafenstraße gleich einem
Gebirgsbach entlang brausenden Strom das Feld räumen. Das war gegen 11 Uhr nachts und erst
gegen 1 Uhr hatte die Flut ihren höchsten Stand erreicht, und immer rasender stieg die See, mit
Donnergetöse sich am Lande brechend. Bald nach 12 Uhr konnte zum Glück ein Stillstand des
Steigens beobachtet werden, wenn auch der Sturm einstweilen noch in schweren Böen weiter heulte.
Aber welch ein Bild bot sich heute morgen dem Auge, eine Zerstörung, wie wir sie in unserem Bade-
orte in dem Maße noch nicht gesehen; weniger der Sturm als das Wasser hatte arg gehaust. Das
Pflaster der Hafenstraße aufgewühlt, teilweise in große Löcher versackt. Die Fundamente des Fried-
richschen und Albertsschen Hauses an der Ostseite bis zu über ein Meter Tiefe freigespült. Der schöne
Strandweg vom Sandwall bis zu den Bädern an vielen Stellen arg beschädigt, die Gärten an der Strand-
passage überspült von Sand und Schlick, Der Zementbelag an der Uferschutzmauer von Wyk und
Boldixum an mehreren Stellen fortgespült und an der oberen Uferkante große Löcher gerissen. Unsere
Deiche haben standgehalten. Beim Osterdeich hat wohl die Außendossierung etwas gelitten, auch sind
bei Nishörn Rutschungen des Binnendeichs festgestellt, aber die Flut hat doch nicht in unsere Marsch
einzudringen vermocht, Erwähnen wollen wir noch, daß die gestrige Flut die höchste seit der Sturmflut
des Jahres 1825 gewesen ist. Damals hatte der Wasserstand die Höhe von 3.6.0 m über ordinäre Flut
erreicht und stand in Wyk das Wasser bis zur Apotheke; gestern war es bis 3,20 m über Normal
aufgelaufen, während es 1911 nur die Höhe von 3,10 m erreicht hatte.
Pellworm. Am 16. Februar 12 Uhr nachts 3,40 m über Normal, abends 8 Uhr wurde
Windstärke 10 beobachtet, um 10 Uhr abends starke Böen aus WNW, Windstärke 10. Gleich nach
10 Uhr riß der Güterschuppen der Neuen Dampfschiffahrt-Gesellschaft weg und gingen etwa 3000 M.
Waren verloren, Gegen 12 Uhr nachts trieb der Schoner »Inlandia«, Kapitän Clausen, von Föhr von
der Reede hier weg und strandete um 1 Uhr nachts auf Korphold; die N Sadumg bestand aus Kohlen.
Marcussen, Vorsteher der Sturmwarnungsstelle der Deutschen Seewarte.
Keitum a. Sylt. Am 16. Februar morgens 8 Uhr war das Barometer bis auf 738,4 mm
gefallen, der Wind war südlich und wehte in Stärke 5, mit Regen und Schneebüen, Das Barometer
fiel fortdauernd sehr schnell, so daß um 11 Uhr vormittags 733,3 abgelesen wurde, der Wind war
noch südlich mit Regen, hatte jedoch schon Neigung, nach rechts zu drehen, Um 2 Uhr nachmittags
wurde nur noch 730,6 abgelesen, der Wind wehte jetzt in Stärke 6 bis 7 aus WSW. Um 5 Uhr
nachmittags war das Barometer weiter gefallen bis auf 727,3 mm, Wind WSW in Stärke 8 bis 9 mit
schweren Böen, Um 7 Uhr nachmittags war der Sturm bis zum Orkan angewachsen, Barometer 725,5,
Wind West. Um 11 Uhr nachts erreichte der Sturm seinen Höhepunkt, das Barometer war bis auf
721.0 gesunken. Die größte Höhe des Wassers betrug um 2 Uhr nachts am 16./17. Februar 4,80 m
über Normal am Pegel bei Munkmarsch,
Gewaltige Wogenberge wurden gegen die Strandbefestigungen in Westerland geworfen, welche
gegen 12 Uhr nachts nicht mehr standzuhalten vermochten und nachdem die Grundfesten unterwühlt
waren, mit donnerndem (jetöse zusammenstürzten, so daß man anfangs der Meinung war, eine Mine
sei gegen die Mauer geschleudert worden; gewaltige Zementblöcke wurden jetzt weithin geschleudert,
und das Wasser bahnte sich bereits einen Weg bis in die Strandstraße, welche von Gischt und Wasser-
dampf fast verhüllt wurde. Der Millionenbau zum Schutze des Strandes, der erst vor wenigen Jahren
errichtet war und bisher als vollständig sicher gegen den Anprall der Wogen gegolten hatte, wurde in
wenigen Stunden zerstört. Zahlreiche Häuser wurden abgedeckt, Bäume entwurzelt, - Stangen und
Signalmasten geknickt sowie das ganze Wiesenland der Insel von Salzwasser überflutet, verschiedene
Fahrzeuge waren gestrandet und zum Teil hoch aufs Land hinaufgesetzt. Nach Aussagen der ältesten
Leute ist diese Sturmflut die heftigste seit Menschengedenken gewesen und hat, wenn auch keine
Menschenleben auf unserer Insel zu beklagen sind, gewaltigen Materialschaden verursacht. Um Mitter-
nacht drehte der Wind nach NW und wehte noch fast den ganzen folgenden Tag in schweren Böen.
Kapitän J. Borsen. Vorsteher der Normalbeobachtungsstation der Deutschen Seewarte.