Grossmann: Die Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste am 13, Jan, u. 16./17. Febr. 1916. 373
Aus Elmshorn wird berichtet: Stadtseitig wurde in Elmshorn in der vorletzten Nacht die
Bewohnerschaft durch Warnungsschüsse auf die Hochwassergefahr aufmerksam gemacht. Die niedrig
gelegenen Straßen sind mehr vom Hochwasser betroffen worden als vor einigen Wochen, Die Keller-
räume im Zentralhotel, bei dem Kaufmann John Ely, Cafe Schrader, Holsteinischen Hof usw. waren
bis zur Decke gefüllt. Die Feuerwehr mußte zur Hilfeleistung herbeigerufen werden. Der Wasser-
stand war diesmal so hoch, daß verschiedene Straßen, wo man früher bisher keine Wassergefahr
kannte, unter Wasser gesetzt und die Kellerräume gefüllt wurden, Selbst die von mehreren Besitzern
in der Königstraße angebrachten Vormauern sind überflutet worden,
Finkenwärder. Die zweite hohe Sturmflut hat auf Finkenwärder ungleich schwerere
Schäden im Gefolge gehabt als die erste, da sie durch anderen Wind entstanden ist. Außer den
üblichen Hausbeschädigungen haben. diesmal die Werften an der Aue schwer gelitten, Die auf-
liegenden Sportfahrzeuge und, aufgestapelten Holzvorräte sind ins Treiben geraten und vom Winde
quer über die Aue ins Flet und an das Waltershofer Ufer hinaufgetrieben, Besonders die Werft von
Behrens hat sehr gelitten. Eins von den Fahrzeugen ist ins Flet getrieben und in der Nähe des
neuen Lotsenhauses gesunken, Schwere Schäden weisen die neuen Deichanlagen, die das neue Vor-
{and schützen, auf. An ihnen ist jahrelange Arbeit in einer Nacht vernichtet worden, Die Stein-
böschung hat sich als nicht hoch genug erwiesen, und die Erdmassen sind weggespült, Verglichen
mit den Schäden der ersten Flut bedeuten die jüngsten einen vielfach größeren Verlust, Es handelt
sich hier um Tausende von Mark. Der Lüneburger Deich hat ebenfalls wieder schwere Wunden er-
halten; er weist auf einer weiten Strecke tiefe Löcher auf.
Tönning, 22. Februar, Sturmflutschäden werden noch andauernd von allen Seiten gemeldet.
Am Vollerwieker Eiderdeich stieg das Wasser fast bis zu seinem Kamm, welche Höhe die November-
flut im Jahre 1911 nicht ganz erreichte, Der Deich hat sehr gelitten und weist besonders in der
Nähe der »Batterie« umfangreiche, bis 3/, m tiefe Löcher auf. — Der Schaden am Dock- und Porren-
koog bei Husum wurde in einer Versammlung der Koogsinteressenten so hoch eingeschätzt, daß
300 „4 Kosten auf jeden Hektar Landbesitz im Porrenkoog kommen, was 79500 4 ausmacht. —
Die Kosten der Ausbesserung der Sturmflutschäden am Eiderdeiche bei Koldenbüttel werden 10000 4
betragen. An dem Drager Deich sind etwa 30 bis 35 Brüche und Erdrutschungen eingetreten, davon
einige bis 100 m Länge und mehrere große Löcher beieinander, die eine Länge von 300 bis 400 m
haben. In kaum einer Stunde waren Öldenfelder-, Reeker- und Süderfelder- sowie der große Deljer-
koog 1 bis 2 m unter Wasser gesetzt, und die Außendeichsbewohner mußten wieder Zuflucht auf den
Böden suchen. Bei der Familie Holling sind wieder wie 1911 der ganze Viehstapel in den herein-
brechenden Fluten ertrunken, darunter gegen 40 wertvolle Mutterschafe, die im Deljerkoog weideten,
Der neben dem Hause stehende Stall ist mit dem darin befindlichen Pferde vollständig verschwunden.
Holling kann seinen Verlust des Viehstapels auf 12000 bis 15000 ‚/ schätzen. Bei einem Land-
mann sind 18 Kühe auf. den Boden geschafft worden. Es ist mit dem Füttern usw. recht be-
schwerlich, doch ist das Vieh damit doch in Sicherheit. Mit dem Pellwormer Dampferschuppen, der
völlig vernichtet wurde, gingen leider auch für 1000 4 dort lagernde Waren verloren,
Friedrichstadt. Eine Sturmflut, die noch erheblich heftiger war als die am 6. November 1911,
hat unsere Gegend in der letzten Nacht wieder heimgesucht. Das Wasser stieg am Abend des
16. Februar gegen 7 Uhr bereits bis zum Kamme des Deiches und erreichte eine Höhe von 4.10 m
über normale Fluthöhe oder 1m mehr als 1911. An fünf Stellen sind an unseren Deichen Kamm-
brüche eingetreten, an zwei Stellen vollständige Durchbrüche der FEiderdeiche. Die Brüche sind im
Deljerkooge und im Oldenfelderkooge, aber auch in den anliegenden Koogen. Gegen 3 Uhr gestern
morgen wurde das Militär aus der Stadt Friedrichstadt zur Hilfe herangeholt, und Pioniere kamen
von dort mit Booten, Fuhrwerken ‚und Pontonbooten. Die Bewohner der überschwemmten Kooge
gerieten in die höchste Lebensgefahr, und das Wasser stieg bis zum First der Gebäude, Es mußten
verschiedene Gewese geräumt werden. Von dem Ingut und dem Vieh ist das meiste verloren, Wären
die Deiche nicht durchgebrochen, so wäre die Flut zweifellos in die Stadt gekommen. An Gebäuden
nd in den Gärten hat der Sturm viel Schaden angerichtet; zahlreiche Bäume sind entwurzelt, und
ländliche Gebäude sind vom Sturm abgedeckt. Der Schaden läßt sich heute noch nicht übersehen.
Die Kooge gleichen einem See, und die Deiche, die erst 1911 erbaut sind, werden große. Kosten ver-
ursachen.
Husum, den 17. Februar. Eine Sturmflut, wie man sie in gleicher Höhe seit der Katastrophe
von 1825 nicht mehr erlebt hat, suchte. in der Nacht vom 16. zum 17. Februar die nordfriesischen
Inseln, Halligen und Küsten heim. Zahllos sind _die Deichschäden, die die bei der Husumer Schleuse
7.4 m über Null erreichende Flut anrichtete. Über den auf weiten Strecken schwer beschädigten,
stellenweise fast ganz verschwundenen Seedeich des Dockkoges und des Porrenkoges bei Husum ist
mehrfach längere Zeit ein voller Wasserstrom ins Land hineingedrungen. In Westerland auf Sylt sind
von der schwer beschädigten Landungsbrücke der Föhrer Dampfer in Dagebüll 25 m weggetrieben,
doch ist der Verkehr dadurch nicht behindert. Der Ewer eines Wattenschiffers wurde auf die Krone
des stellenweise schwer beschädigten Nordstrander Seedeiches geworfen, während der Segler »Julandia«
von Föhr auf Rumschholtsand strandete. Die Sommerköge sind ohne Ausnahme an der ganzen Küste
überflutet; empfindlicher Schaden entsteht, wo in ihnen Wintergetreide gesät wurde. Bei den Husumer
Austernbassins wurden die Mauern des Packhauses vollständig zertrümmert und das Strohdach ganz
fortgetrieben. Aus der Gastwirtschaft »Erholung« bei Husum mußten die Bewohner, die ihr Vieh in
das Obergeschoß des Hauses’ retteten, flüchten, nachdem fast der ganze Deich, in dessen Schutz das
Haus gelegen hatte, weggerissen war, Der Strand bietet dort ein Bild trostlosester Verwüstung. Viele
Deichverbände werden jahrelang schwer an dem Schaden dieser Flut zu tragen haben,
Wyk auf Föhr. Die Art, wie sich die gestrige Sturmflut auf der Insel Föhr, besonders im
Nordseebade Wyk, bemerkbar machte, kam vielen völlig unerwartet. Am Morgen des gestrigen Tages