372 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1916.
Schiffe abgetrieben und liegen jetzt quer über den Helgen. Auch sind von den Werften viele Hölzer
abgetrieben.
Hamburg, Altona und Umgebung (Hamburger Nachrichten.) Die unruhige Witterung
der letzten Tage erreichte in der letzten Nacht ihren Höhepunkt. Der böige Südwestwind ging im
Laufe des gestrigen Tages auf Nordwest, Er brachte heftige Schnee-, Regen- und Hagelböen, in
denen der Wind zeitweilig die Stärke eines Orkans hatte. In den Abendstunden herrschte ein regelrechter
Sturm, der mit. einer durchschnittlichen Stärke von 10 nach Beauforts Skala wehte und auch
während der Nacht bis in die Morgenstunden hinein ungeschwächt anhielt. Die Folge war, daß die
Elbe wieder einen außergewöhnlich hohen Wasserstand erreichte, der um nur 3 Zoll bzw. 8 cm hinter
der selten hohen Sturmfluthöhe, die in der Nacht vom 183. zum 14. Januar d, Js. eintrat, zurückblieb.
Damals hatte das Hochwasser den seit 1881 höchsten Wasserstand erreicht, der mit 17 Fuß 11 Zoll
über Altnull bzw. 8.01 m über Neunull am Pegel bei den St. Pauli-Landungsbrücken verzeichnet
wurde. Heute morgen um 4 10min betrug der Wasserstand 17 Fuß 8 Zoll über Altnull bzw. 7.93 m
über Neunull. Nach hier eingegangenen Meldungen soll der Pegel in Cuxhaven 7.57 m gleich 17 Fuß
5 Zoll über Altnull verzeichnet haben; also auch dort hatte die Sturmflut fast die gleiche Höhe wie
hier in Hamburg erreicht,
Am Hafen war das Wasser über die Ufer getreten und in die Keller gedrungen. Es stand
auf den Vorsetzen und am St. Pauli- Markt und St. Pauli- Fischmarkt weit über den Straßendamm
hinüber bis an die Häuserfronten. Auf den Vorsetzen war daher der Straßenverkehr während des
Hochwassers nicht möglich. Erst nach 5 Uhr morgens trat die Flut merklich zurück. Auf der weiten
Wasserfläche des Hafens, aus der nur die Köpfe der Pfahlgruppen hervorragten, trieben viele durch
den Sturm und die Flut losgerissene Schuten, von denen einige gekentert waren und mit dem Kiel
nach oben auf. der aufgeregten Flut herumtanzten. Weitere nennenswerte Schäden sind durch den
Sturm im Hafen nicht angerichtet worden. Gegen 5 Uhr flaute der Sturm erheblich ab, und die
Wassermassen traten schnell zurück.
Im Fernverkehr traten durch den Sturm empfindliche Störungen ein, Das hiesige Haupttelegraphenamt
gibt bekannt: Infolge des heftigen Sturmes sind die telegraphischen Verbindungen.
des hiesigen Telegraphenamts nach Holland, dem Rheinland, Süddeutschland, Bayern, der Schweiz,
Österreich-Ungarn, Öst- und Westpreußen, Dänemark und Schweden unterbrochen. Die Telegramme
nach diesen Gebieten werden große Verzögerungen erleiden. Auch ist der Telegrammverkehr nach
dem übrigen Deutschland wegen des Unwetters ZT ÖGET URBAN unterworfen.
Ferner gibt das Hamburger Fernsprechamt bekannt: Infolge des Sturmes sind zahlreiche
Fernsprechleitungen nach allen Richtungen gestört. Verzögerungen in der Abwicklung der Ferngespräche
werden sich nicht vermeiden lassen.
In Altona haben der Sturm und das Unwetter in der letzten Nacht überall mannigfachen
Schaden angerichtet, Bald nach 2 Uhr am Mittwoch früh trat das Wasser der Elbe aus den Ufern
and überschwemmte den Fischmarkt, die in der Elbgegend niedrig gelegenen Straßenzüge sowie die
Gegend von Neumühlen und Övelgönne. Das Wasser stieg langsam bis gegen 4 Uhr morgens. Das
Kraftwerk der Elektrizitätsgesellschaft Unterelbe, Akt. Ges., wurde zum Teil unter Wasser gesetzt, so
daß ganz Altona, Ottensen, Bahrenfeld und Othmarschen stundenlang ohne elektrische Energie waren.
Der gesamte Straßenbahnverkehr war bis gegen 9 Uhr vormittags lahmgelegt. In einzelnen Stadtteilen
versagte das elektrische Licht bereits kurz nach 6 Uhr morgens, in anderen erst gegen 8 Uhr vormittags.
Das Hochwasser, das allerdings nicht ganz die Höhe vom 13. Januar d. Js. erreichte, hat
teilweise erheblichen Schaden angerichtet. Im Elektrizitätswerk Unterelbe erreichte das Wasser im
Keller eine Höhe von über einem Meter. Am Fischmarkt, in der Kleinen und Großen Elbstraße
liefen zahlreiche Keller voll Wasser. Am Fischmarkt sowohl als auch bei ÖOvelgönne wurden mehrere
Kähne und andere Fahrzeuge von den Verankerungen losgerissen und in den Strom getrieben; sie
konnten jedoch größtenteils im Laufe des Vormittags wieder aufgebracht werden, In verschiedenen
Gegenden der Stadt wurde am Baumbestand erheblicher Schaden angerichtet.
Altenwerder. Die Bewohner hatten von Mitternacht bis zum frühen Morgen vollauf zu
sun, um von den Außendeichen das Vieh aus den Ställen und ihre Haussachen aus den Kellern und
Untergeschossen in Sicherheit zu bringen, Das Wasser stieg sehr schnell und erreichte zur Zeit des
Hochwassers beinahe die Höhe der Sturmflut vom 13. Januar. Die Vorländer wurden sämtlich überschwemmt,
da das Wasser über die Sommerdeiche trat. Die außerhalb der Hauptdeiche liegenden
Keller und Untergeschosse liefen voll Wasser, und die Landungsbrücke wurde vollständig überflutet.
Über den Deich der Domäne Kattwyk stürmte das Wasser in das Binnenland und setzte die Felder
und Wiesen unter Wasser, das heute vormittag bei Niedrigwasser noch nicht abgelaufen war. Die
Flut hat wieder erheblichen Schaden angerichtet.
In Moorburg ertrank Vieh. Auch hier wurde die Landungsbrücke der Harburger Dampferanlegestelle
überflutei. Die Keller der an der Süderelbe gelegenen Häuser liefen sämtlich voll Wasser,
Auch hier ’erreichte die Flut beinahe die Höhe der außerordentlichen Januar-Sturmflut.
Stade. Die Sturmflut, die in der vorletzten Nacht einsetzte, hat die untere Stadt wieder
völlig überschwemmt. Die Wasserhöhe überschritt die vom 13. Januar 1916 um 2 cm. Keller und
Wohnungen der in der unteren Stadt gelegenen Häuser waren unter Wasser gesetzt. Besonderer
Schaden ist nicht eingetreten,
Auch von der Oste wird berichtet, daß die Sturmflut in der gestrigen Nacht fast so hoch
war wie am 13, Januar. Nur 4 cm fehlten an dem damaligen Höchststand von 6.70 m. Infolgedessen
waren die Vorländer der (ste sämtlich unter Wasser gesetzt. Das an mehreren Stellen dort unterzebrachte
Vich mußte in Sicherheit gebracht werden. Viel Schaden ist wieder auf den Ländern
außerhalb der Deiche angerichtet worden. Er ist aber bei weitem nicht so erheblich. wie ihn damals
die Januar-Sturmflut angerichtet hatte.