Grossmann: Die Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste am 13. Jan. u. 16./17. Febr, 1916. 371
zusammengetrieben und von dort in die Flüsse gedrängt worden. Als ein wesent-
licher Unterschied gegenüber der Sturmflut vom Januar machte sich aber stark
geltend, daß die Winde an dem West—Ost verlaufenden Teil der Nordseeküste
im ganzen westlich blieben und das Drehen nach Nordwest wesentlich auf den
Nord—8Süd verlaufenden Teil, die Küste nördlich der Elbe, beschränkt blieb, von
wo sich das Gebiet mit nordwestlichen Winden auch nicht weit westwärts über
die Nordsee erstreckt haben wird, während zufolge der Wetterkarte vom Abend
des 13. Januar stürmische nordwestliche Winde über der ganzen Nordsee herrschten.
Das Fehlen dieser Nordwestwinde bei der Februar-Sturmflut hatte zur Folge,
daß das Hochwasser über dem West—Ost verlaufenden Teil der Nordseeküste
geringere Höhen als im Januar erreichte; besonders aber waren aus demselben
Grunde auch die zerstörenden Wirkungen hier erheblich geringere, da bei der
gleichen Stärke des Windes entsprechend dem Verlauf dieses Küstengebiets west-
liche Winde weit geringeren Wellenschlag als nordwestliche und nördliche Winde
hervorrufen. Nördlich von der Elbmündung hingegen erreichte die Sturmflut im
Februar erheblich größere Höhen als im Januar, da, wie angeführt, die stür-
mischen Winde über dem äußersten Süden und dem Westen der Nordsee wesent-
lich ihre westliche Richtung während der Zeit der auflaufenden Flut beibehielten
und das Auftreten von Nordwestwinden über einem verhältnismäßig schmalen,
diesem Küstenteil vorgelagerten Gebiet nur die Wirkung haben konnte, daß das
längs der Küste nach Norden hin getriebene Wasser hier noch weiter aufgestaut
wurde; dazu kommt, daß nach Ausweis der Windaufzeichnungen von Keitum a. Sylt
die mittleren Windstärken im Norden bei der zweiten Sturmflut erheblich stärker
als bei der ersten waren — im Durchschnitt der letzten sechs Stunden vor dem
Höchstwasser im Februar 18 m/sek. gegenüber nur 12 m/sek. im Januar.
Auch diese Sturmflut hat wieder für Holland ausgedehnte Überschwemmungen
herbeigeführt. Uber ihr Auftreten an unserer Küste mögen die nachstehenden
Berichte einen lebendigeren Einblick gewähren, als die bloße Betrachtung von
Witterungsvorgängen solches zu leisten vermag.
Berichte über die Sturmflut vom 16./17. Februar 1916.
Borkum. Am 16. Februar 1916 hatten wir nur einen Höchststand des Wassers von etwa
2.60 m über Null, Schäden sind, außer erneuter Beschädigung des noch nicht fertiggestellten Bahn-
dammes, nicht bekannt. Bölts, Vorsteher der Sturmwarnungsstelle der Deutschen Seewarte,
Norderney. Die Sturmflut vom 16. Februar stieg um 9h 20min nachmittags auf 2.27 m
über gewöhnlichem Hochwasser, Die Beschädigungen am hiesigen Hafen wurden dadurch noch be-
deutend vergrößert. .Die Dünen wurden wiederum stark abgebrochen, so daß die sogenannte Wilhelms-
höhe herunterstürzte und nur noch in Trümmern geborgen werden konnte. Sonst sind im allgemeinen
größere Beschädigungen nicht angerichtet worden,
Janssen, Vorsteher der Sturmwarnungsstelle der Deutschen Seewarte.
Brake. Am 16, Februar 1916 war der Wind morgens SW und WSW, Windstärke 6 bis 7,
mit Regenböen, nachmittags drehte der Wind mehr rechts nach West und wehte mit Stärke 10 bis 11.
Den höchsten Wasserstand hatten wir in Brake mit 2 m 25 cm über’normal am 17. Februar morgens
il 5min zu verzeichnen. Die größte Windstärke herrschte am 16. Februar nachmittags 61/, Uhr
mit Stärke 11 bis 12. Schaden ist hier keiner von Bedeutung entstanden,
Gollin, Vorsteher der Agentur der Deutschen Seewarte.
Glückstadt, den 17. Februar 1916, Nachdem die Witterung schon seit einigen Tagen recht
unbeständig gewesen war, kam gestern abend ein WSW-Sturm auf, der bald orkanartig dahinBrauste
und in Verbindung mit Regen-, Schnee- und Hagelböen einen förmlichen Aufruhr der Natur verur-
sachte. Durch den Sturm trat im Gebiet der Unterelbe eine gewaltige Sturmflut ein, Das Wasser
stieg sehr schnell, schon um 9!/, Uhr hatte es die zum Elbpavillon führende Treppe erreicht. Jeg-
licher Verkehr nach dem: Außenhafen war damit aufgehoben. Die große Stöpe mußte geschlossen
werden, Mit dieser Arbeit wurde schon um 9 Uhr begonnen, erst nachts gegen 2 Uhr konnten die
Angestellten des Wasserbauamts von dieser Arbeit nach Hause gehen. Um diese Zeit hatte die Sturm-
flut eine Höhe von fast 6 m erreicht, also 3 m über dem normalen Wasserstand, Seit Jahrzehnten
ist hier ein so hoher Wasserstand nicht zu verzeichnen gewesen, Ganz arg hausten die außerhalb der
Schuppen treibenden Hölzer. .Vom Südweststurm und starken Wellengang wurden sie gegen die
Umfriedigung der Lübckeschen Kohlenläger geschleudert und zerstörten diese vollständig. Auch die
bei der vorletzten großen Sturmflut schon schwer beschädigte Mole ist diesmal weiter zerstört worden.
Ebenso erging es dem Lübckeschen Kohlenschuppen. Der kleine Schleppdampfer »Hurra« lief mit
dem Vorderschiff auf der Kaimauer fest, konnte aber heute morgen: wieder abgebracht werden, An
Uferbefestigungen und an Deichen wurden erhebliche Schäden durch Wellengang angerichtet. Der
angeschwemmte Unrat liegt hoch an den Deichen, In Wewelsfleth sind auf den Helgen liegende