324 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1916.
als Teildepressionen auffassen lassen, die das stationäre Minimum im Sinne der
Hauptwindrichtung, also im Sinne des Uhrzeigers, umkreisen, Da auch sonst
solche Teildepressionen scharf ausgeprägte Vorder- und Rückseiten mit starken
Temperaturgegensätzen zu haben pflegen, so würde sich dies auch mit der großen
Temperaturveränderlichkeit, von der weiter oben die Rede war, gut vertragen,
Trage ich mir für die Zeit der Polreise Amundsens die Luftdruckwerte
von Framheim und die reduzierten Werte der Reise in einem Druck-Zeitsystem
graphisch auf und verbinde die Punkte durch die wahrscheinlichste Druckkurve,
so finde ich bis etwa 84° S-Br. besonders bei der Hinreise einen sehr ausge-
prägten Parallelismus beider Kurven, und zwar mit einer deutlichen zeitlichen
Verspätung der Extreme, die in etwa 80'/,° S-Br. rund 12 Stunden und weiter
nach Süden mehr beträgt, Hieraus würde eine Fortpflanzungsgeschwindigkeit
von rund 20 km in der Stunde in Nord-Süd-Richtung folgen, ein Wert der nicht
gerade unwahrscheinlich sein dürfte. In diesem Zusammenhang möchte ich noch
auf einen Einzelfall hinweisen, der zur synoptischen Betrachtung einlädt. In der
ersten Dezemberdekade haben wir schwere Stürme im Gebiet des Rossmeers,
und zwar liegen bis jetzt folgende Angaben darüber vor: Amundsen wird vom
1. bis 3. Dezember durch schweren Südoststurm behindert in etwa 861/,° S-Br.,
ebenso wird Scott von einem am 83. Dezember früh morgens einsetzenden un-
gewöhnlich schweren Orkan am Fuß des Beardmore-Gletschers betroffen und
bis zum 9. morgens festgehalten; ferner wird Prestrud am Scott-Felsen auf
König-Eduard-VII.-Land am 3. nachmittags von einem schweren Schneesturm
überfallen, der bis zum 8. des Morgens anhielt; in Framheim dauerte der Sturm
vom 4. des Morgens bis zum 6. des Abends, Überall brachte der Sturm sehr
starken Schneefall, z. T. in ganz ungewöhnlicher Menge. Abgesehen vom Plateau
war der Sturm sehr warm, und in Framheim brachte er sogar das absolute
Maximum der Temperatur, Die Vermutung, daß es sich um ein großes zusammen-
hängendes Ereignis handelt, liegt sehr nahe. Die beiden Druckkurven von Fram-
heim und der Polreise lassen die Deutung zu, daß das Sturmtief im allgemeinen
von Süden nach Norden gewandert ist, also über das Polarplateau oder Nachbar-
schaft hinweg. Das Minimum tritt in Framheim 2 bis 21/, Tage später ein;
der Sturmcharakter ist insofern bei beiden Orten derselbe, als es nur bei fallendem
Barometer stürmt, während beim Anstieg der Wind sehr rasch nachläßt. Es
wäre sehr zu wünschen, daß die meteorologischen Verhältnisse des Rossmeeres
eine synoptische Bearbeitung fänden., Für das Jahr 1911 ist das Material dafür
so reichlich, wie bisher niemals in der Antarktis, Außer drei festen Stationen
kommen noch die vielen Schlittenreisen und für den Sommer die Fahrten der
drei Expeditionsschiffe »Fram«, »TerraNova« und vielleicht »Kainan Maru«,
das Schiff der japanischen Expedition, in Betracht. Wenn auch sehr viele Eigen-
tümlichkeiten der einzelnen Stationen vorliegen, vor allem die vielen Stürme bei
Kap Evans und bei Kap Adare im Vergleich zu Framheim, so dürften sich
doch wohl manche allgemeinere Erscheinungen herausschälen lassen und viel-
leicht auch die Bedingungen für die lokalen Verschiedenheiten.
Simpson!) geht näher auf die Differenz der Windgeschwindigkeiten in
Framheim und Kap Evans ein und betrachtet die Häufigkeit der verschiedenen
Windgeschwindigkeiten an beiden Stationen. Er findet als besonders charakte-
ristisch, daß die Verteilungskurve mit einem Maximum der Windstillen beginnt,
um sich dann mit zunehmender Windgeschwindigkeit asymptotisch dem Wert
Null zu nähern. Dieser Kurve, die bei beiden Stationen sehr nahe parallel ver-
läuft, ist im Mac Murdo-Sund eine zweite Kurve überlagert, die die Stürme
versinnbildlicht, Diese Zusatzkurve dürfte auf das Randgebiet östlich des Süd-
viktorialandes beschränkt sein. Betrachte ich unter dem Gesichtspunkt der
Sturmhäufigkeit die Windverhältnisse der bisherigen antarktischen Stationen, so
ergibt sich ausnahmslos, daß die Orte am Rande der Antarktis, Binnenland-
stationen kommen ja vorläufig nicht in Frage, in deren Nähe eine vertikale
Gliederung des Festlandes vorhanden war, relativ sturmreich sind, während die
') In Kapitän Scott: Letzte Fahrt II. S. 361—3469.