Brennecke, W.:; Neue ozeanographische Forschungen an der Ostküste der Vereinigten Staaten, 313
Einen ersten Anhalt zur Lösung der Frage geben uns die Beobachtungen
Helland-Hansens auf der Fahrt des »Michael Sars« 1910, die unter anderem
einen Schnitt von Süden nach Norden über die Neufundland-Bank bringen. Dem
allgemeinen Reisebericht!) ist nachstehende Skizze (Fig. 5) entnommen; Station 74
liegt dicht bei St. Johns in der Rinne, welche die Bank von der Insel trennt, die
anderen Stationen liegen fast genau südlich von Station 74. In der Rinne finden
wir das kälteste Wasser (— 1.0. bis — 1.5°), das wohl mit Recht als Abzweigung
des Labradorstroms nach Südwesten bezeichnet werden kann. Auch auf der Neu-
fundland-Bank sind die Temperaturen sehr niedrig (Oberfläche 8° bis 10°, Boden
0° bis 2°) und werden auch südlich der Bank an der Oberfläche zunächst nicht
wesentlich höher, während in der Tiefe sowohl die Temperatur wie auch der
Salzgehalt rasch zunehmen, so daß Isothermen und Isohalinen hier nahezu senk-
recht verlaufen, Das salzarme Wasser der Oberfläche unter 33%.) reicht am
weitesten nach Süden, der Steilabfall der Bank wird bespült von einem Wasser
von 83 bis 34% 9 Salzgehalt, das wir als Mischwasser von Labrador- und Golf-
stromwasser auffassen können, jedenfalls erreicht das Golfstromwasser von 35% 09
Stat. 74
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Fig. 5. Schnitt über die Neufundland-Bank nach Murray und Hijort »The Depths of the Ocean«.
bis 36% 9 Salzgehalt nicht die Bank selbst. Da Station 70 des Schnitts über die
Neufundland-Bank schon westlich. der Südspitze der Bank liegt, können wir an-
nehmen, daß jedenfalls ein Teil dieses Mischwassers, ‘dessen Menge von dem
größeren ‚oder geringeren Andrang von polarem Wasser abhängt, nach Westen
geht. Es macht sich hier an der Westflanke des Golfstroms geltend, indem es
jene zungenförmig, oft tief in den eigentlichen Golfstrom eindringenden Kalt-
wassergebiete bildet, bis es untergesunken oder durch Mischung umgeformt ist.
Nach diesen Erörterungen ‘über den Verbleib des Labradorstromwassers,
die abseits der Bigelowschen Untersuchungen liegen, seien die Hauptfolgerungen,
die Bigelow aus der Gesamtheit der Beobachtungen zieht, kurz zusammengestellt :
Die niedrige Temperatur der‘ Küstengewässer ist weder durch Auftrieb, noch durch
eine Strömung aus nördlichen Gebieten zu erklären, sondern durch das Landklima
der Ostküste Nordamerikas, das namentlich im Winter durch ablandige kalte Winde
die Abkühlung des Meeres verursacht. Ein weiterer, wenn auch geringerer ab-
kühlender Einfluß kann in der Zufuhr kalten Flußwassers und des im Frühling mit-
geführten Eises gefunden werden. Der Golf von Maine erhält sowohl Zufuhr von
Norden wie auch vom Golfstrom, und zwar in wechselnden Mengen, jedoch soll das
von Norden zugeführte Wasser keinen abkühlenden Einfluß auf die Temperatur im
Golf und südlich auf dem Schelf haben, da es sich inzwischen erwärmt hat und
seine Temperatur nicht niedriger. ist als diejenige, die durch die Nähe des Landes
verursacht wird. Schließlich kommt noch Golfstromwasser in Betracht, das so-
wohl auf dem Schelf südlich von Kap Cod küstenwärts vordringt, als auch in
den Golf von Maine eintritt... Es ergibt sich also, daß das Wasser längs der Ost-
1) Murray und Hjort: The Depths of the Ocean: ‚London 1912. ‚S. 110, -Fie 25.
Ann. d. Hrdr. usw. 1916. Heft VI.