Brennecke, W.: Neue ozeanographische Forschungen an der Ostküste der Vereinigten Staaten, 311
klärung sind für die winterliche Abkühlung und für die im Sommer folgende
schnelle Erwärmung der Oberflächenschichten durchaus anzunehmen, sie scheinen
mir jedoch ungenügend für die Erklärung der kalten Zwischenschicht, die am
Außenrande des Schelfs auch im Hochsommer überall angetroffen wurde und die
meist von wärmerem Wasser unterlagert ist, wie uns namentlich der Libbey-Schnitt
(Fig. 3) vor Augen geführt hat.
Viel} wahrscheinlicher erscheint eine dauernde Zuströmung von kaltem und
relativ salzarmem Wasser aus Norden, zum Teil aus dem Golf von Maine, zum
Teil vielleicht auch am Außenrande der George-Bank entlang. Um dies zu veranschaulichen,
wurde der Schnitt J. auf dem. Schelf über die Nantucket-Shoals
bis in den Golf von Maine geführt, die Untiefen selbst wurden aber nur angedeutet,
da das Tiefenwasser des Golfs durch sie vom Schelf nicht abgeschnitten
ist, sondern seinen Weg zwischen den Nantucket-Shoals und ‚der George-Bank
nehmen kann, wo Tiefen von etwa 80 m vorhanden sind. Wie uns der Schnitt J
zeigt, ist die Tiefenlage der kalten Zwischenschicht durchweg zwischen 40 m und
80 m, und wir sehen, daß sich die kalte Schicht zungenförmig weiter und weiter
nach Süden vorschiebt, Selbst auf den südlichsten Stationen bei der Chesapeake-Bai
ist die Temperatur in 46 m am Außenrande des Schelfs, der hier sehr schmal
und flach ist, noch um 4° bis 5° niedriger als weiter nach See zu (vgl. Schnitt G,
Tafel 9). Daß die niedrige Temperatur dieses Wassers nur auf winterliche Abkühlung
zurückzuführen sei, ist sehr unwahrscheinlich, besonders da auch ein
Andrang von Golfstromwasser stetig stattfindet, der sich sehr charakteristisch in
der salzhaltigen Schicht in 20 m bis 40 m Tiefe bei den südlichen Stationen ausprägt.
So führt also alles dazu, eine kalte Südströmung in der Tiefe über dem
Schelf anzunehmen, .die allmählich durch abkurvendes Golfstromwasser, das im
nördlichen Teil die kalte Schicht unterlagert, wärmer und salzreicher wird,
Naturgemäß haben unsere Ausführungen nur Gültigkeit für die Sommermonate,
auf die allein sich Bigelows Beobachtungen erstrecken; für die Wintermonate
fehlen Beobachtungen mit Ausnahme einiger Messungen im Golf von Maine,
die mir nicht zugänglich waren, gänzlich, So kann hier in bezug auf den Auftrieb
von Wasser aus größeren Tiefen, der von Krümmel und Pettersson zur
Erklärung des kalten Walls an der Ostküste Nordamerikas herangezogen wird,
nur gesagt werden, daß der Auftrieb für die Erklärung der Temperaturen auf
dem Schelf im Sommer nicht in Betracht kommt, und daß auch im Winter wahrscheinlich
die Abkühlung durch die kalten Landwinde aus nordwestlicher
Richtung zur Erklärung der kalten Oberflächentemperaturen unter Land genügen
wird.
In einem der Schlußkapitel »Über die Herkunft des Küstenwassers«
erörtert Bigelow die verschiedenen Ansichten über den Anteil von Wasser der
Labradorströmung an dem Wasser im Golf von Maine und auf dem Schelf südlich
bis Kap Hatteras. Während vor dem Jahr 1897 die meisten Handbücher
und Atlanten als Ursprung des kalten Küstenwassers den Labradorstrom annahmen,
zeigte Schott zuerst!), daß als Hauptquelle die aus dem St. Lorenz-Golf
kommende Cabotströmung anzusehen sei; der Labradorstrom sei nur am
ÖOstrande der Neufundland-Bank nachweisbar, auf der Bank selbst sei keine durchgehende
Strömung, und Wasser der Labradorströmung gelange auf diesem Wege
nicht an die Ostküste Nordamerikas. Hiergegen hat sich Krümmel gewandt?)
und u. a. geltend gemacht, daß bei St. Johns und Kap Race vorbei eine verhältnismäßig
tiefe Rinne entlang führt, die einem vom Labradorstrom nach rechts
gegen das Land gedrängten Stromzweig Raum gewähre, so daß auf diesem Wege
Wasser vom Labradorstrom in den St. Lorenz-Golf und vor die Mündung der
Cabotstraße gebracht wird, wo es sich mit dem südlich von der Großen Bank
herumgeflossenen vereinigt und nach Südwesten weitergeht. Auf der Großen Bank
müsse demnach eine allgemeine Tendenz nach Südwesten vorherrschen,
5 Petermanns Mitteilungen 1897 S, 201 ff. |
?) Handbuch d. Ozeanographie, 2. Aufl., 2. Bd., S, 602.