Brennecke, W.: Neue ozeanugraphische Forschungen an der Ostküste der Vereinigten Staaten. 305
Schnitten aus Rücksichten für die Wiedergabe nicht durchgeführt werden, jedoch
ist bei den einzelnen Schnitten das Verhältnis von Länge zu Tiefe angegeben.
Tafel 9 enthält die Querschnitte zur Küste von Süden nach Norden angeordnet,
Tafel 10 die Längsschnitte auf dem Schelf von Chesapeake-Bai bis zum Golf
von Maine, . '
Die sommerliche regionale Verteilung der Oberflächentemperatur ım
Untersuchungsgebiet geht klar aus den Oberflächenbeobachtungen in den ver-
schiedenen Quer- und Längsschnitten hervor. Im allgemeinen haben wir einer-
seits eine Temperaturzunahme von Norden nach Süden, anderseits von der Küste
nach See zu, nur im südlichsten Schnitt bei Chesapeake-Bai findet sich die
höchste Temperatur unter Land, Die größten Unterschiede finden sich zwischen
den nördlichsten und südlichsten Stationen: 16.1° bei Station 60 auf George-Bank
und 26.7° bei Station 78 vor der Chesapeake-Bai. Die abnorm niedrige Tem-
peratur bei Station 60 ist wohl sicher zurückzuführen auf Abkühlung infolge
Durchmischung der verschiedenen Schichten infolge der heftigen Gezeitenströme,
wie uns der Schnitt C (Tafel 9) zeigt. Die Bodentemperatur ist mit 10.1° außer-
gewöhnlich hoch, wie auch die Schnitte D, E und F, die bedeutend südlicher
liegen, veranschaulichen. Das hocherwärmte Oberflächenwasser vor der Chesa-
peake-Bai dürfte seine hohe Temperatur der ausgeprägten Schichtung des
Wassers verdanken, die einer Vermischung des Oberflächenwassers mit den
Tiefenschichten entgegenstrebt; Schnitt G auf derselben Tafel zeigt uns, daß der
Salzgehalt des Oberflächenwassers nur 29,25%) betrug, gegenüber 33,5% in
nur 22 m Tiefe. — Der Temperaturunterschied zwischen dem Oberflächen-
wasser nahe der Küste und über dem Steilabfall ist am größten auf der Höhe
von New York; er beträgt hier 4° (17.2° gegen 21.1°), wie uns der Schnitt E zeigt.
Ehe ich die von Bigelow 1913 gewonnenen Ergebnisse über die vertikale
Verteilung der Temperatur auf dem Schelf erörtere, erscheint es zweckmäßig,
auf Libbeys Untersuchungen!) vom Jahre 1889 zurückzugreifen, die mir Herr
Professor Schott freundlichst zur Verfügung stellte. Die außerordentlich
fleißigen Arbeiten von Libbey 1889 und in den folgenden Jahren sind ent-
schieden viel zu wenig beachtet worden, sie verdienen aber schon deswegen
unsere Beachtung, weil hier zum ersten Male ein kleines Gebiet mit einer so
großen Zahl von eng aneinanderliegenden Beobachtungen, sowohl in horizontalem
wie vertikalem Abstand, bedacht ist, wie es erst neuerdings in den nordeuro-
päischen Meeren angestrebt wird. Ein Beispiel von den Arbeiten Libbeys
gibt der hier neu gezeichnete und umgerechnete Schnitt in umstehender
Figur 3, wobei zu bemerken ist, daß im gleichen Monat (August 1889) noch eine
ganze Anzahl diesem paralleler Schnitte in gleicher Vollständigkeit von Libbey
gewonnen sind, In der Veröffentlichung Libbeys treten die schönen Ergeb-
nisse seiner Arbeit weniger heraus, da er nur die Tabellen ausführlich veröffent-
lichte, in die Schnitte aber nur einige wenige Isothermen einzeichnete, Wenn
man bedenkt, wie mangelhaft im Jahr 1889 die ozeanographischen Instrumente
noch waren, so ist man überrascht, wie klar die Gesetzmäßigkeiten der Tempe-
raturverteilung in Libbeys Schnitt hervortreten, ja man kann sagen, daß die
Deutung der über eine große Fläche relativ spärlich verstreuten Beobachtungen
Bigelows erst durch Libbeys Vorarbeiten ermöglicht wird.
Der hier nach Libbeys Beobachtungen gezeichnete Schnitt verläuft auf
71° 30’ W-Lg, die einzelnen Stationen sind um je 10 Breitenminuten oder See-
meilen voneinander entfernt; der Schnitt enthält die Isothermen von 1° zu 1°,
Die ihnen zugrunde liegenden Beobachtungen finden sich in den Tabellen am
Schluß der Arbeit, — Während die Oberflächenschichten eine langsame Tem-
peraturzunahme von Land nach See zeigen, bieten die Tiefenschichten ein
typisches Bild des Querschnitts durch eine kalte Tiefenströmung, die
zwischen wärmere Schichten gelagert ist. Diese kalte Tiefenströmung
schmiegt sich unter Land dem Schelfboden an (Stationen 2 und 3), um sich bei
5 Siehe den Literaturhinweis auf S. 297, ferner Report of the sixth international geographical
congress, London 1895, S. 461.