Brennecke, W.: Neue ozeanographische Forschungen an der Ostküste der Vereinigten Staaten. 303
hier mehr und mehr nach Osten abbiegend, entlang fließt. Ohne Kenntnis der
Strömungen im Golf würde man annehmen können, daß der Golfstrom das Wasser
vom Schelf und aus der Bucht ansaugt und daß. anderseits zur Kompensation
wieder Wasser aus dem Ozean in die Bucht hineingeführt wird, Eine schöne
Bestätigung dieser Auffassung liefern uns die Stromverhältnisse, wie sie Bigelow
in Fig. 2 als Ergebnis seiner Untersuchungen im Jahre 1913*) dargestellt hat:
Im Nordosten eine Bewegung einwärts in den Golf und im Südwesten eine Bewegung
aus dem Golf heraus nach Süden, also ein zyklonales Stromsystem. Dies
Stromsystem, wie es hier wiedergegeben wird, ist jedoch, wie zu betonen ist, nicht
durch Beobachtungen -— sei es durch systematische Strommessungen mit Berechnung
der Restströme oder durch Flaschenposten — festgestellt worden, sondern
es ist ein Erklärungsversuch für das, was die Beobachtung von Temperatur, Salzgehalt
und Dichte ergeben hat.
Das, was die Wasserbewegungen im Golf in erster Linie beherrscht, ist
die Gezeit, Bigelow äußert sich darüber auf Grund der ausgeführten Strommessungen
folgendermaßen: Die Summe aller zugänglichen Beobachtungen
weist darauf hin, daß die heftigen Oberflächenströmungen des Golfs, die: von
jedem Schiffsführer verzeichnet worden sind, reine Gezeitenströmungen sind; die
mittlere Ebbe und Flut ist im allgemeinen gleich stark in einem bestimmten
Gebiet, jedoch sind die mittleren Richtungen der beiden nicht immer genau entgegengesetzt.
Die allgemeine Regel ist, daß längs der ganzen Linie zwischen
Nantucketshoal und Kap Sable-Bank der Ebbstrom nach Süden setzt und die Flut
nach Norden — die Stromstärke ist bedeutend, 1.1 bis 1.6 Knoten zur Zeit der
größten Geschwindigkeit. Der Flutstrom ist am schwächsten im nördlichen Teil
der Massachusetts-Bai und längs der Küste von Kap Ann bis Portland, mit Ausnahme
an den Mündungen der großen Flüsse; im zentralen Teil des Golfs beträgt
die Geschwindigkeit des Gezeitenstroms etwa 0.5 Knoten, aber längs der Küste
von Neu-Schottland und im Mündungsgebiet der Fundy-Bai erreicht sie mehr als
2 Knoten mit ausgedehnten und gefährlichen Stromkabbelungen auf den verschiedenen
Bänken?).
Geben uns also die Strommessungen nur Aufschluß über die Gezeitenströmungen,
so müssen wir uns ein Bild über die Wasserbewegungen im Golf
auf Grund der sonstigen Beobachtungen machen. In erster Linie gibt uns der
Salzgehalt bestimmte Hinweise über die Verfrachtung von Wassermassen. So
zeigte das Kärtchen über die Verteilung des Salzgehalts an der Oberfläche des
Golfs (1913) zwar. nur geringe, aber doch charakteristische Unterschiede, indem
der Nordostteil des Golfs durchweg höheren Salzgehalt hat als das westliche
Gebiet. Die 32.4°% 9 Isohaline liegt noch bei der Mündung des wasserreichen
Penobscot-Flusses nicht weit von der Nordküste, von der sie sich dann entfernt,
um. das westliche Drittel des Golfes zu umschließen. Da das westliche Gebiet.
weniger Zufluß von Süßwasser erhält als die Nordküste und die Fundy-Bai, so
muß demgemäß eine Ausbreitung des salzärmeren Wassers längs der Westküste
des Golfs erfolgen. Dies veranschaulichen auch unsere Querschnitte in West-Ost-Richtung
über den Golf (A und B, Tafel 8); im Jahr 1912 ist die Ansüßung
des westlichen Gebiets besonders ausgeprägt durch die 32.0%,) Isohaline. Im
Gegensatz hierzu kennzeichnet in dem Oberflächenkärtchen der Verlauf der
32.7% 9 Isohaline, die im Ostteil des Golfes bis zum Eingang der Fundy-Bai vordringt,
die Zufuhr salzhaltigeren Wassers vom freien Ozean, Daß auch in den
Tiefen des Golfs der Ostteil etwas mehr atlantischen Zufluüß erhält als der Westteil,
zeigt der .Verlauf der Isohalinen in Schnitt A und B. Nirgendwo ergeben
sich jedoch im Golf Anzeichen von Auftrieb aus größeren Tiefen, nur vereinzelt
wurden Kaltwasserflecke mit etwas erhöhtem Salzgehalt im Westen infolge von
ablandigen Winden festgestellt. .
Neben der Zufuhr atlantischen Wassers, abkurvend aus dem Golfstromgebiet,
ist auch eine Zufuhr aus nördlichen Gebieten längs der Ostküste von
N Bigelows Stromdarstellung in der vorhergehenden Bearbeitung des Jahres 1912 zeigt ein
sehr verwickeltes Strombild, das wenig anspricht,
2) Siehe hierüber auch L. Mecking in »Ann. d. Hydr. usw.« 1905, S. 454 und 1910, S. 514.