234 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1916.
der umgebenden Luft schwebende Tröpfchen — also Nebel — zu bilden. Tau
und Reif unterscheiden. sich von Beschlag und Rauhreif mehr theoretisch als im
Resultat, vor allem im Ursprung des Temperaturunterschiedes zwischen dem festen
Körper und der Luft; denn beim Beschlag soll dieser Unterschied vom Heran-
kommen wärmerer Luft, beim Tau vom Kälterwerden der Gegenstände durch
Ausstrahlung herrühren. Daraus folgen manche Unterschiede, z. B. daß der Tau
auf Spitzen mit schlechter Wärmezuleitung beschränkt ist, während der Beschlag
die ganze Oberfläche netzt, ferner daß sich an einer lose auf dem Boden liegenden
Glasscheibe der Tau an der Unterseite, der Beschlag an der Oberseite ansetzt
u. dgl. Aber bei beiden scheinen die Molekularkräfte rauher Oberflächen be-
dingend mitzuwirken, besonders wenn die Kondensation in festem Zustande erfolgt,
In der Natur geschieht nun die Nebelbildung im Tiefland und auf dem
Meere, wie wir dies im weiteren sehen werden, ganz vorwiegend über Flächen,
die.kälter sind als ihre Umgebung. Die Bedingungen, unter denen über solchen
Flächen die Kondensation — statt nur an der Unterlage selbst als Tau usw. —
in Luftschichten von 1m bis zu Hunderten von Metern geschieht, sind noch
unbekannt. Dr. H. Elias hat in einer Untersuchung!) auf Grund von Drachen-
aufstiegen und Erwägungen die Auffassung vertreten, daß »die meisten Nebel
über dem norddeutschen Tieflande durch Hinwegstreichen eines feuchten Luft-
stroms über den durch Ausstrahlung abgekühlten Boden entstehen, in der Art
nämlich, daß die untern, kalten Luftschichten durch die bei Wind stets in der
Nähe der Erde vorhandene Wogenbildung in die Höhe geschleudert werden und
die obern bei der Mischung mit diesen untern Wasser in flüssiger Form aus-
scheiden. Seltener tritt Nebelbildung durch Mischung von zwei verschieden
temperierten feuchten Strömen ein«. Dieselbe Entstehungsweise nimmt er auch
für Nebel auf dem Meere, z. B. die Neufundlandnebel, an?). Bei geringer Luft-
bewegung sollen nach ihm auch auf dem Meere nur sehr‘ niedrige Nebel ent-
stehen können, Eine Bestätigung und Ergänzung dieser Ergebnisse durch weitere
Untersuchungen wäre sehr zu wünschen.
_ In hohen Breiten zeigt sich dichter örtlicher Nebel nicht selten über
warmen feuchten Oberflächen, deren Temperatur viel höher als die der Luft ist,
also nach der Weise des Brodems über heißem Wasser. Bei starkem Frost sieht
man ihn über den Waken im Polarmeer wie über dem offenen Wasser in den
Fjorden Norwegens, Löchern im Eise der Newa usw. In der Tat ist ja ein Über-
schuß der Wasser- über die Lufttemperatur im Betrage von 20 bis 30°, wie wir
ihn über einer Tasse Tee oder einem Teller Suppe haben, auch dort oft genüg
vorhanden. Aber sowohl die räumliche als die zeitliche Verteilung der Nebel
zeigt unverkennbar, daß in gemäßigten Klimaten diese Art der Nebelbildung ganz
zurücktritt gegen die experimentell noch nicht nachgeahmte Entstehung von Nebel
über relativ kalten Oberflächen.
Die räumliche Verteilung der Nebelhäufigkeit können wir zuverlässig nur
für den Ozean untersuchen. Denn die Angaben verschiedener Beobachter in dieser
Hinsicht sind sehr wenig miteinander vergleichbar. Da die Nebelbildung alle
möglichen Übergänge von leichter Trübung der Luft bis zur Verhüllung der
nächsten Gegenstände zeigt, so notiert der eine Beobachter unter denselben Um-
ständen doppelt und dreifach so viel Nebel wie der andere. In neuerer Zeit sind
zwar verdienstliche Versuche gemacht worden, aus dieser Unbestimmtheit heraus-
zukommen; so gibt die Anleitung des Preußischen Meteorologischen Instituts an,
daß Nebeltage nur dann als solche gezählt werden sollen, wenn Gegenstände in
mehr als 2000 m Entfernung verschwinden, Da dies aber auch von allerlei Um-
ständen abhängt, wird der Übelstand wohl nur abgeschwächt, nicht weggeschafft
werden können. Anders auf dem Meere, wo derselbe Beobachter verschiedene
Räume durchfährt und für jeden Raum die Zahlen den Durchschnitt aus vielen
Beobachtern darstellen: hier spielt der »persönliche Fehler« nur eine geringe
') Aßmann & Berson: Ergebnisse der Arbeiten am Aeronautischen Observatorium 1901/02,
(Berlin 1904). Beilage 1.
2) Buchan schreibt in seinem Handybook of Meteorology der Luftmischung ebenfalls eine
bedeutende Rolle bei der Nebelbildung zu (2. ed., S. 168 bis 173).