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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 44 (1916)

12 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1916.

Unzulänglichkeit dieser und einiger anderer auf ähnlicher Grundlage aufgebauter
Methoden (Farbstift-, Farbenpulver-, Farbenpapierproben) geliefert. Denn nicht
nur viele Farbenschwache, sondern sogar wirklich Farbenblinde bestehen diese viel
zu groben Proben glatt und anstandslos.
Einen großen Fortschritt stellten die Stillingschen pseudo-isochromatischen
 Tafeln dar, die zur Zeit wohl die beste und verbreitetste Farbensinnprobe
 darstellen. Sie beruhen auf dem Prinzip der Verwechslungsfarben, d.h. sie
wenden Farbentüpfel an, die dem Farbenuntüchtigen gleichfarbig erscheinen, es in
Wirklichkeit aber nicht sind. Auf einer Reihe von in Buchform angeordneten Tafeln
sind je zwei Verwechslungsfarben in Gestalt von Punkten und Tüpfeln derart angeordnet,
 daß eine der beiden Farben eine Zahl auf dem Grunde der anderen zeigt.
Infolgedessen ist der Farbenuntüchtige nicht imstande, die verschieden gefärbten
Tüpfel voneinander zu unterscheiden, um die Zahlen richtig zu entziffern. So
zweckmäßig und brauchbar im allgemeinen diese Tafeln sind, so weisen sie doch
eine Reihe von Mängeln auf, die auf ihren Ersatz durch etwas Besseres sinnen
ließen. Für die Zwecke der Massenuntersuchungen, z. B. bei Schiffermusterungen
und beim Aushebungsgeschäft, erwies sich die Buchform der Tafeln als unhandlich
und umständlich; einzelne Tafeln sind selbst für den intelligenten Farbentüchtigen
viel zu schwer zu entziffern, anderseits sind sie wiederholt von den Prüflingen auswendig
 gelernt worden. Auch führt die Verwechslungsmöglichkeit der einzelnen,
einander zu sehr ähnelnden Zahlen oft zu unsicheren und widersprechenden Feststellungen.
 Von vielen wird eine nähere Angabe über die Lesedistanz, die bei der
Prüfung einzuhalten ist, vermißt. Ferner ist es kein Vorteil, daß auf jeder Tafel
nur zwei verschiedene und zum Teil recht ähnliche Farben zusammengebracht sind,
und daß die Tafeln jede Mannigfaltigkeit vermissen lassen. Es kann daher auch die
Stillingsche Probe trotz ihrer Vorzüge nicht als unbedingt sicher und zuverlässig
angesprochen werden und gerade in letzter Zeit haben sich die Berichte vermehrt
über Fälle, wo trotz Nichtbestehens derselben am Anomaloskop Farbentüchtigkeit
nachzuweisen war.
Zum Ersatz oder wenigstens zur Kontrolle der Stillingschen Tafeln schienen
eine Zeitlang die ebenfalls auf dem Prinzip der Verwechselungsfarben beruhenden
Nagelschen „Tafeln zur Untersuchung des Farbenunterscheidungsvermögens“‘“
 berufen. Sie sind sogar bei den Eisenbahn- und Marinebehörden
 zur obligatorischen Einführung gelangt, obwohl die Mehrzahl der neuesten
Untersuchungen das frühere gute Urteil über ihre Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit
 nicht bestätigt hat. Die Prüfung geschieht mittels 20 Täfelchen, von denen
jedes auf weißem Grund eine Anzahl teils einfarbiger, aber verschieden heller,
teils mehrfarbiger kreisförmig angeordneter Punkte von bestimmter Größe enthält.
Die einfarbigen Kreise werden von Farbenuntüchtigen für verschiedenfarbig, die
verschiedenfarbigen dahingegen für einfarbig gehalten, weil als Farben Verwechslungsfarben
 gewählt sind. Außerdem verwerten die Täfelchen zur gesonderten
Erkennung der Farbensinnschwäche die gesteigerte Farbenkontrastwirkung. Gegen
die Nagelschen Tafeln wird eingewandt, daß sie zu viel Vorkenntnisse seitens des
Untersuchers erfordern, daß sie ihrer Feinheit halber zu sehr eine Intelligenzprüfung
 darstellen, daß sie Farbenbenennungen erfordern, daß sie umständlich und
unbequem in der Handhabung sind und endlich, daß sie der persönlichen Auffassung
 des Untersuchers zu viel Spielraum lassen und daher bei demselben Prüfling
entgegengesetzte Resultate zeitigen können. In der Tat müßte dieser Umstand
allein schon genügen, von der ausschließlichen Anwendung der Nagelschen Methode
abzusehen und sie nur als Kontrollprobe mitzuverwenden.
Als letzte.Probe sei das Cohnsche Täfelchen erwähnt. Es stellt kleine schwarze
E-förmige Haken in verschiedener Anordnung auf purpurviolettem- Grunde dar,
die von dem Farbenuntüchtigen nicht mehr erkannt werden, sobald sie durch ein
über das Täfelchen gelegtes dünnes Florpapier betrachtet werden sollen, während
der Farbentüchtige dazu wohl imstande ist. Zwar trifft zu, daß, wer die Stellung
der Häkchen richtig erkennt, farbentüchtig ist; nicht aber der umgekehrte Satz,
daß, wer die Täfelchen nicht entziffert, wirklich farbenuntüchtig ist. Es muß also
ein negatives Resultat dieser sonst recht einfach zu handhabenden Probe stets durch
            
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