Podestä: Die Bedeutung der Farbensinnstörungen für den Seemannsberuf usw.
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Wir haben bereits angedeutet, daß wir es bei der Farbenuntüchtigkeit durch-
aus nicht mit einer einzigen, wohl charakterisierten Abweichung von der Regel zu
tun haben. Vielmehr müssen wir nach dem heutigen Standpunkte der wissenschaft-
lichen Auffassung mehrere Hauptgruppen unterscheiden, die zum Teil Übergänge
und Zwischenstufen vom normalen bis zum völlig aufgehobenen Farbensinn aufweisen.
Es ist daher durchaus unrichtig, vom Begriff einer Farbenblindheit als Allgemein-
begriff im Gegensatz zu einem normalen Farbensinn zu sprechen, wie man es im
gewöhnlichen Leben häufig zu hören bekommt, sondern man hält sich besser nach
dem Vorschlag des Physiologen Nagel an die Begriffe Farbentüchtigkeit und
Farbenuntüchtigkeit, die gleichzeitig den praktischen Bedürfnissen am besten
Rechnung tragen. Wir haben daher auch bei der bisherigen Darstellung die Er-
wähnung des sorst so gebräuchlichen Begriffs der Farbenblindheit vermieden, da
er genau genommen nur einer der jetzt zu erwähnenden Hauptgruppen der Farben-
sinnstörungen zukommt. Zudem ist es für die praktischen Bedürfnisse, auf die es
uns hier allein ankommt, ganz gleichgültig, welche von den einzelnen Formen der
Farbenuntüchtigkeit, deren die typische Farbenblindheit eine bildet, im gegebenen
Falle vorliegt. Diese Bedürfnisse erfordern lediglich die Feststellung der Zugehörig-
keit zur gemeinsamen Gruppe der Farbenuntüchtigen, die im Gegensatz zu den
Farbentüchtigen von bestimmten, besonders verantwortlichen Berufsarten, wie
z. B. vom seemännischen, im Interesse der allgemeinen Sicherheit fernzuhalten sind.
Trotzdem gebietet es die Frage nach dem allgemeinen Verständnis der Farbensinn-
störungen, uns mit ihren einzelnen Gruppen etwas näher zu beschäftigen und sie
entsprechend zu charakterisieren. Zu diesem Zweck ist es notwendig, auf die Fest-
stellungen hinsichtlich des normalen Farbensehens zurückzugreifen. Wir sahen,
daß das normale Farbenwahrnehmungssystem sich auf das Zusammenwirken von
den drei Grundempfindungen — Rot, Grün und Violett — zurückführen ließ, dieses
System des „Dreifarbensehens‘‘ ermöglicht es ja. alle überhaupt vorkommenden
Farbenempfindungen auszulösen.
Es gibt nun nicht wenige Menschen, deren Farbensehvermögen sich aus nur
zwei oder gar nur einer Grundempfindung (Komponente) zusammensetzt, derart,
daß eine oder zwei der drei Grundempfindungen ausfallen, also fehlen. Mit einem
Farbenuntüchtigen haben wir es daher in erster Linie zu tun, wenn sein Farbensystem
sich nicht mehr wie beim normalen Menschen aus den drei Farbengrundempfindungen
Rot, Grün und Violett zusammensetzt, sondern nur aus zwei oder gar nur aus einer.
Besitzt jemand — ein übrigens außergewöhnlich seltener Fall — nur eine Grund-
smpfindung (Einfarbensystem, Monochromasie), so fallen für ihn alle farbigen Ein-
drücke fort, die Lichter werden nur als hell und dunkel in ihren verschiedenen
Abstufungen, aber völlig farblos, also grau in grau, etwa wie ein photographisches
Bild gesehen: Er ist total farbenblind. Da dieser Zustand stets von einer hoch-
gradigen Herabsetzung des Sehvermögens und starker Lichtscheu begleitet ist, schließt
ar die davon Befallenen von vornherein von vielen Berufsarten aus und hat um so
weniger praktische Bedeutung, als der Zustand leicht erkennbar ist und sich diese
bedauernswerten Individuen desselben wohl bewußt sind.
Viel wichtiger ist die zweite Gruppe der sogenannten partiell Farbenblinden,
die allein für sich etwa 3 bis 4 v. H. aller Männer betrifft. Es sind dies die im täg-
lichen Leben schlechthin als „Farbenblinde‘“ Bezeichneten, obwohl deren Farben-
blindheit genau genommen nur eine teilweise („partielle‘‘) ist. Bei ihnen muß die
Kombination von zwei, anstatt wie normal drei Grundempfindungen hinreichen,
um alle ihnen möglichen verschiedenen Farbenempfindungen auszulösen. Dieses
Zweifarbensystem (Dichromasie) kann in ganz verschiedener Weise zum Ausdruck
kommen, je nachdem, welche Grundempfindung ausgefallen ist, und man unter-
scheidet daher je nach dem Ausfall der Rotempfindung (erste Komponente): Rot-
blinde (Protanope), der Grünempfindung (zweite Komponente): Grünblinde (Deutera-
nope) und der Violettempfindung (dritte Komponente): Violettblinde (Tritanope).
Die letzterwähnte Unterart der Violett- oder Blaugelbblindheit ist so selten,
daß auch sie keine praktische Bedeutung hat, ganz abgesehen davon, daß ihre Ver-
treter sehr wohl imstande sind, die wichtigsten Farben Rot, Grün und Gelb zu unter-
scheiden, da bei ihnen nur die Violettkomponente ausfällt. Dahingegen spielen