PodestA: Die Bedeutung der Farbensinnstörungen für den Seemannsberuf usw.
2. Unabhängig von diesem Einfluß der Helligkeitsveränderungen wird der
Charakter des Farbensehens noch vielfach beeinflußt und modifiziert von dem
örtlichen Nebeneinander- und dem zeitlichen Hintereinanderauftreiten von Farben-
eindrücken. Auch die Dauer der Einwirkung von farbigen Eindrücken wirkt be-
stimmend auf das Farbensehen; es tritt eine gewisse Ermüdung des Auges ein,
die sich z. B. darin äußert, daß die Farbenempfindung sich langsam ändert, und zwar
derart, daß die langwelligen — warmen — Farbentöne sich einem Gelb, die kurz-
welligen — kalten — einem Blau nähern.
Schon im gewöhnlichen Leben sprechen wir häufig von Kontrastwirkungen
farbiger Eindrücke und wissen, daß sich schwarze Gegenstände am wirksamsten
von heller Umgebung, rote Gegenstände auf grünem Grunde am gesättigtsten und
deutlichsten abheben, ferner, daß wir nach längerem Anschauen einer roten Fläche
oder eines roten Gegenstandes auf hellem Hintergrunde beim Verschwindenlassen
des Gegenstandes oder beim Wegblicken auf eine helle Fläche für einen Augen-
blick die Empfindung der Komplementärfarbe Grün erhalten. Denn stets erscheinen
uns diese Nachbilder in der Komplementärfarbe der zuerst gesehenen Farbe.
Charakteristisch ist auch, daß, wenn wir eine grühe Fläche, z. B. ein grünes Blatt
Papier, vor den roten Gegenstand schieben, wir das Grün viel deutlicher und ge-
sättigter als sonst empfinden. Die Wichtigkeit dieser Kontrastempfindungen werden
wir später noch daran erkennen, daß sie bei einer besonderen Klasse von Farben-
antüchtigen in auffallender Weise gesteigert gefunden werden. Schon aus diesen
Beispielen geht hervor, daß unsere Farbenempfindungen niemals ganz gleichmäßige,
identische und unveränderliche sind, sondern stets von den veränderten äußeren
Umständen, sowohl der Beleuchtung als auch der zeitlichen Verhältnisse und des
umgebenden Raumes abhängig sind. Wenn man nun noch bedenkt, daß selbst die
einzelnen Bezirke (Zonen) des lichtempfindlichen Teiles des Auges, die Netzhaut,
in bezug auf Farbenempfindungen Verschiedenheiten aufweisen, so wird man be-
greifen, wie kompliziert die Verhältnisse beim Zustandekommen der Farbeneindrücke
schon beim normalen Farbensehen liegen.
3. Es ist bekannt, daß in der Mitte der lichtempfindlichen Netzhaut sich der
„gelbe Fleck“ befindet, eine kleine Stelle, die das schärfste Sehen vermittelt. Wollen
wir einen Gegenstand scharf anschauen, so stellen wir das Auge auf ihn ein, wir
fixieren ihn, und zwar mit dem Erfolg, daß dann die Netzhaut in der Gegend dieses
der Pupille gegenüberliegenden ‚gelben Flecks‘““ von den einfallenden Lichtstrahlen
getroffen wird. Auf den Bereich dieser Stelle beschränkt sich auch nach neueren
Untersuchungen das präzise Farbensehen und nimmt nach der Peripherie hin
ziemlich gleichmäßig derart ab, daß zonenweise zuerst die Grünempfindung, etwas
weiter nach außen die Rotempfindung und noch weiter die Blauempfindung ausfällt.
Diesem Umstande muß, wie wir später noch sehen werden, bei den Methoden der
Farbensinnprüfungen insofern Rechnung getragen werden, als die Prüfungen mög-
lichst nur auf das Sehen mit dem gelben Fleck zu beschränken sind.
Nachdem wir uns so über die Grundzüge des normalen Farbensehens orientiert
haben, erhebt sich nunmehr die Frage nach dem Farbensehen der Farbenblinden
oder besser gesagt, der Farbenuntüchtigen. Denn die Farbenblinden stellen
nur einen Teil aller Farbenuntüchtigen dar, die insgesamt etwa 8 bis 10 v. H. aller
männlichen Individuen ausmachen. Diese Zahl bezieht sich nur auf die angebore-
nen und, was gleichzeitig zu ihrer Charakteristik hinzugefügt sei, unheilbaren
Farbensinnstörungen. Daneben gibt es nämlich noch eine Reihe von erworbenen
Farbensinnstörungen, die indes hier keine Berücksichtigung zu finden brauchen,
da sie nur ein vorwiegend ärztliches Interesse beanspruchen. Sie sind zumeist an
Krankheiten der Netzhaut, des Sehnerven und der übrigen, das Sehen vermittelnden
Nervenorgane des Gehirns, also an Gehirn- und Nervenerkrankungen gebunden
und sind großenteils mit ihrer Grundkrankheit heilbar. Dahingegen handelt es sich
bei den uns interessierenden Farbensinnstörungen nicht um Krankheiten im engeren
Sinne des Wortes, sondern um einen unheilbaren, unveränderlichen und übrigens
auch vererbbaren, von der Regel abweichenden Zustand. Nichtsdestoweniger hört
man nicht selten von Farbenuntüchtigen, ihr Farbensinn hätte sich im Laufe der
Zeit gebessert, sei es von selbst, sei es infolge ihnen ärztlich oder anderweitig