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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 44 (1916)

Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1916. 
liegt im Gelb und nimmt von hier nach beiden Seiten, wenn auch ungleichmäßig, 
ab. Bei Steigerung der Helligkeit bis zur Blendung ändern die Lichter allerdings 
auch ihren bisherigen Farbenton, indem die kurzwelligen (Blaugrün, Blau, Violett) 
sich dem Blau, die langwelligen (Rot, Gelb, Grün) dem Gelb nähern. Schließlich 
verlieren die Töne noch ihre Sättigung und gehen ebenfalls in ein blendendes Weiß 
über. Wir werden später sehen, daß die verschiedenen Helligkeitswerte der einzelnen 
Farbentöne bei gleich starker Lichtquelle für die Farbenempfindung der Farben- 
untüchtigen von großer Bedeutung sind, indem sie es ihnen ermöglichen, ihnen 
eigentlich gleichfarbig erscheinende Töne doch voneinander zu unterscheiden. 
Die meist gebräuchliche Farbenbenennung richtet sich nach den vier besonders 
auffallenden und charakteristischen Grundfarben: Rot, Grün, Gelb, Blau, indem die 
im Farbenkreise (siehe S. 3) zwischen diesen Grundfarben liegenden Farbentöne 
nach den beiden benachbarten Grundfarben, z. B. Blaugrün, Gelbrot (statt Orange), 
Gelbgrün, Blaurot (statt Violett) usw. benannt und dadurch völlig erschöpfend 
charakterisiert werden können. Zwei nicht benachbarte, also gegenüberliegende 
Grundfarben haben dagegen für unser Gefühl etwas Gegensätzliches. Es wird nie- 
mandem einfallen, das zwischen Rot und Grün liegende Gelb nach seinen Nachbar- 
grundfarben Rotgrün zu nennen, noch weniger wird man die Grundfarben nach den 
Nachbartönen benennen. 
Die Grundfarben haben aber noch eine andere große Bedeutung dadurch, 
daß wir sämtliche uns bekannten Farbentöne durch eine entsprechend abgestufte 
Mischung von nur drei von diesen vier homogenen Grundfarben, nämlich von Rot, 
Grün und Violett, ersetzen können. 
Wir kommen hiermit zu dem interessanten Gebiete der Mischfarben und der 
Farbenmischungen (richtiger der Lichtmischungen), sowie der Ergänzungsfarben. 
Die Empfindung einer Farbe, z. B. Gelb, braucht nicht unbedingt nur durch den 
Reiz eines homogenen Lichtes von entsprechender Wellenlänge ausgelöst zu werden, 
sondern die gleiche Gelbempfindung kann auch durch zusammengesetztes Licht, 
also durch ein Lichtgemisch von zwei oder mehreren homogenen, z. B. roten und 
grünen Lichtern hervorgerufen werden. Oder mit anderen Worten: es können 
verschiedene Lichtmischungen dieselbe Farbenempfindung hervorrufen wie ein 
homogenes Licht, wobei das Auge nicht zu unterscheiden vermag, ob ein farbiger 
Eindruck durch ein homogenes Licht oder durch die erwähnten Lichtgemische 
hervorgerufen wird. 
Eine derartige Nebeneinanderstellung zweier verschiedener Lichtreize, welche 
die gleiche Farbenempfindung hervorrufen, bezeichnet man als eine Farbengleichung, 
einerlei, ob die Gleichung zwischen nur homogenen oder zwischen gemischten Lichtern 
(Mischungsgleichung) gebildet ist. Diese Mischungsgleichungen, die nur mittels kom- 
plizierter Apparate (Helmholtzscher Farbenmischapparat, Nagelsches Ano- 
maloskop) herzustellen sind, bilden eine wichtige Grundlage für die Kenntnis des 
Farbensinns und ein zuverlässiges Hilfsmittel für die Untersuchungen der Farben- 
sinnstörungen und ihre Feststellung. 
Wenn wir alle Farben des Spektrums mischen oder, was dasselbe bedeutet, 
gleichzeitig auf das Auge einwirken lassen, wird die Empfindung: ‚Weiß‘ hervor- 
gerufen. Es genügt aber schon, um dieselbe Empfindung ‚Weiß‘ auszulösen, die 
verschiedene Mischung je zwei bestimmter Farben miteinander, z. B. Rot mit Blau- 
zrün, Orange mit Cyanblau, Gelbgrün mit Violett. Diese sich zu Weiß ergänzenden 
Farbenpaare nennt man Ergänzungs- oder Komplementärfarben. Mischt man zwei 
sich nicht zu Weiß ergänzende Farben miteinander, so erhält man, falls die beiden 
Mischfarben im Spektrum nahe genug zusammenliegen, eine der im Spektrum da- 
zwischen liegenden Farben. So ergeben Rot und Gelb gemischt Orange. Liegen die 
zu mischenden Farben im Spektrum weit auseinander, z. B. Rot und Violett, so erhält 
man die im Spektrum nicht vorhandene Farbe Purpur, dessen Ergänzungsfarbe 
zu Weiß „Grün“ ist. Mischt man nun gleichzeitig drei verschiedene Farben, so heben 
sich entweder zwei davon als Ergänzungsfarben zu Weiß auf, das sich nun mit der 
übrigbleibenden dritten Farbe mischt, oder aber es lassen sich auf diese Weise alle 
überhaupt erdenklichen Farbentöne hervorrufen, wenn wir nur die drei Farben 
richtig wählen und in verschiedenster Weise miteinander mischen. Die drei dazu
	        
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