Podestä: Die Bedeutung der Farbensinnstörungen für den Seemannsberuf usw. 8
als zum allgemeinen Verständnis unbedingt notwendig in wissenschaftliche und
theoretische Einzelheiten einzugehen.
Alle im Raum sichtbar erscheinenden Gegenstände und Lichter lösen infolge
eines von ihnen ausgehenden und die nervösen, lichtempfindlichen Elemente des
Auges (Netzhaut) erregenden Reizes die Empfindung einer Farbe aus. Die Farben
sind also keine Eigenschaft der farbigen Gegenstände, sondern lediglich der Ausdruck
einer Empfindung, welche im Gehirn durch den Reiz der sichtbaren Gegenstände
auf das Sehorgan hervorgerufen wird. Dieser Reiz bildet das Wesen des Lichtes
und besteht in einer Wellenbewegung des den ganzen Weltraum erfüllenden Äthers,
welche von jedem im Raume sichtbaren leuchtenden oder beleuchteten Körper erzeugt
bzw. reflektiert wird. Die Farbenempfindung ist daher eine Qualität des Lichtes
und ist bedingt durch die Wellenlänge, d. h. durch die Anzahl der Ätherschwingungen
in der Zeiteinheit. Je nach der Verschiedenheit der Wellenlänge dieser Äther-
schwingungen, die unser Auge treffen, ist die Farbe, in der uns das Licht erscheint,
verschieden, und zwar sehen wir langwelliges Licht rot, Licht mittlerer Wellenlänge
grün, kurzwelliges Licht violett. Wie bekannt, lassen sich die Lichtstrahlen des
weißen bzw. gemischten Lichtes in ihre verschiedenen farbigen Strahlen zerlegen
und zur Anschauung bringen, wenn wir einen Lichtstrahl, z. B. Sonnenlicht, durch
ein dreiseitiges Glasprisma auf eine helle Wand fallen lassen. Wir erhalten dann das
bekannte farbige Band des Spektrums, welches die verschiedenen Wellenlängen
der Lichtstrahlen in Gestalt der Regenbogenfarben nebeneinander geordnet
enthält und von Rot über Orange, Gelb, Grün, Cyanblau, Indigoblau zum
Violett führt. Alle diese farbig erscheinenden Strahlen, deren gesetzmäßige Reihen-
folge im Spektrum durch ihre verschiedene Brechbarkeit bedingt ist, indem die lang-
welligen — roten — Strahlen am wenigsten, die kurzwelligen — violetten — am
stärksten bei ihrem Durchgang durch das Prisma abgelenkt werden, pflegt man als
einfache oder homogene Lichter zu bezeichnen, da sie ausschließlich aus Strahlen
von einer bestimmten Wellenlänge oder Schwingungszahl bestehen, die sich nicht
weiter zerlegen lassen, auch wenn man jede einzelne gesondert auffängt und abermals
durch ein Prisma schickt. Sie sind daher auch die einzigen wirklich „reinen“ und
„gesättigten‘ Lichter. Dahingegen werden unter gemischten Lichtern solche ver-
standen, die sich aus Strahlen verschiedener Wellenlänge zusammensetzen, wie z. B.
das schlechthin sogenannte Tageslicht.
Obwohl nun das normale Auge imstande ist, im Spektrum mit seinen viel-
fachen Übergangs- und Zwischenstufen etwa 165 verschiedene Farbentöne zu unter-
scheiden, führt man diese Spektralfarben auf Grund ihrer am deutlichsten hervor-
tretenden Erkennungsmerkmale doch gewöhnlich auf die erwähnten sieben Regen-
bogenfarben oder die vier Grundfarben (Urfarben) Rot, Grün, Gelb und Blau zurück.
Außer nach ihrem Ton werden die Farben noch nach ihrer Sättigung und ihrer
Helligkeit unterschieden. Die Übergänge von Schwarz nach Weiß bezeichnen wir
als tonfreie; die roten, grünen usw. Töne mit ihren zahlreichen Übergangs- und
Zwischenstufen als bunte Farben. Infolge dieser fortlaufenden Übergänge lassen
sich die Farbentöne in einem Farbenkreise darstellen, der von Rot über Orange in
Gelb, über Gelbgrün und Grün in Blau, über Violett und Purpur zu Rot zurückkehrt.
Alle diese Farben erscheinen, wie wir sahen, in derselben Reihenfolge im Spektrum,
mit Ausnahme des Purpurs, der als eine Mischung von Violett mit Rot zustande
kommt.
Die Sättigung der Farbe wird durch den Grad der Zumischung von Weiß
bestimmt. Eine wirklich ‚gesättigte‘ oder „reine‘“ Farbe enthält gar keine Bei-
mischung von Weiß, eine Forderung, die eigentlich nur die Spektralfarben erfüllen.
Die Verminderung der Sättigung hängt ab von der zunehmenden Beimischung von
Weiß: die Farbentöne werden blasser und gehen schließlich in reines Weiß über.
Weiß ist daher gewissermaßen der geringste Grad der Sättigung für jeden einzelnen
Farbenton. Alle künstlichen Farben enthalten mehr oder weniger starke Bei-
mengung von Weiß, sind daher weder vollkommen „‚gesättigt‘“ noch „rein“,
Die Helligkeit der Farbentöne hängt von der Lichtstärke (Lichtintensität)
ab, nimmt mit dieser gleichmäßig ab und nähert: sich allmählich dem Schwarz.
Innerhalb des Spektrums ist die Helligkeit eine verschiedene: die hellste Stelle