142 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1916,
Ein Anzeichen für diese örtliche, starke Verdunstung ist der bei Verwendung nicht
ganz reinen Wassers sich längs des Randes einstellende dickere Belag, der in
keinem Verhältnis steht zu jenem, den man bei vollständigem Verdampfen der
Flüssigkeit im Becken erhielte, Erschütterungen des Gefäßes stören wohl
auch in ähnlicher Weise, Heftiger Wind kann nach Bigelow —- allerdings
bloß bei größeren Becken — durch Wellenbildung zur Zerstäubung von
Wasser und durch das Forttragen des Wasserstaubs zu fälschlich erhöhter Verdunstung
führen. Der Einfluß würde aber mit wachsender Beckengröße wieder
abnehmen. Nicht immer wird ferner darauf geachtet, daß die Wasserfläche nicht
unnötig unter dem Rand des Gefäßes liegen darf, Bei größeren Becken fällt
dies allerdings weniger ins Gewicht, Keine bedeutende Wirkung hat eine Vergrößerung
der Oberfläche durch Wellenbildung, ebenso dürfte sich die Verdunstung
von Seewasser gegenüber Süßwasser kaum merklich verringern,
da der Sättigungsdruck über jenem nur so wenig niedriger ist. Wenn
Messungen größere Unterschiede zeigten, so liegt das vielleicht an der verschieden
absorbierten Strahlung.
Wir sehen also, welchen verschiedenen schwer in Rechnung zu ziehenden
Einflüssen Verdunstungsmessungen unterliegen, wie jedes Instrument besondere
Korrekturen seiner Angaben verlangt. Wenn es scheinen mag,
daß vielleicht doch das gewöhnliche, der freien Luft ausgesetzte Psychrometer
am ehesten den Rückschluß - auf die Verdunstung einer freien Wasserfläche
gestatte, weil auch es ja im wesentlichen nur mit benetzten Teilen an die Luft
grenzt, so stört hier wieder die verschiedene thermische Trägheit und der Umstand,
daß die Strahlung auf das Wasser voll, auf das Thermometer aber nur
einseitig wirken kann.
$ 15. Über den Begriff der Verdunstung. Wenn auch bisher absichtlich
alle Umstände, welche die Unsicherheit erhöhen, besonders betont wurden, so
erweist sich doch ganz allgemein das Problem der Verdunstung als ein äußerst
verwickeltes. Das liegt aber wesentlich an der Fragestellung. Man muß sich
doch endlich einmal darin entscheiden, ob man die Verdunstung als praktische
Aufgabe behandeln oder aber ihr die Geltung eines meteorologischen
und klimatischen Elements verschaffen will.
Im ersteren Falle sind die entsprechenden Versuche an Ort und Stelle
auszuführen und liefern unter den angezeigten Vorsichtsmaßregeln wirklich ver-Jäßliche
Ergebnisse; oder aber man geht’ auf die von anderer Seite abgeleiteten
Formeln zurück, von denen heute den Bigelowschen für größere Wasseransammlungen
unter den Verhältnissen mittlerer Breiten das größte Vertrauen
entgegengebracht werden muß.
Im andern Falle, wenn man die Verdunstung als meteorologisches
Element einführen will, muß man sie von allen zufälligen Beigaben entkleiden
und auf eine Form bringen, die sich sofort den Bedürfnissen eines besonderen
Zwecks anpassen läßt; diese sind für den Wassertechniker ganz andere
als etwa für den Klimatologen oder den Botaniker, Nicht ganz ausgeschlossen
oder vielmehr ziemlich wahrscheinlich ist es, daß es schließlich bloß zu einem
aus den verschiedenen geläufigen meteorologischen Größen zusammengesetzten
Ausdruck kommt, der allerdings wesentlich verschieden sein kann von dem,
was man noch als Verdunstung bezeichnen dürfte. Die Neueinführung würde
dann bloß darauf hinauslaufen, diese Größe für die einzelnen Beobachtungstermine
zu rechnen und für größere Zeiträume erst dann zu mitteln. Mit den
Mittelwerten der meteorologischen Elemente wird sich im allgemeinen nicht dieselbe
Zahl ergeben. Ein bestimmter Vorschlag kann hier nicht gemacht
werden — dazu bedürfte es umfangreicher Beobachtungsreihen unter den verschiedensten
klimatischen Verhältnissen —, doch sei auf die entsprechenden
Versuche mit der Psychrometerdifferenz hingewiesen.
$ 16. Analogie aus der Strahlungsmessung. Was mit dem Gesagten gemeint, wird wohl
deutlich "durch den Hinweis auf eine andere ähnlich verwickelte Größe, die heute noch ganz allgemein
in den Köpfen der verschiedensten Leute spukt, von der Wissenschaft aber schon längst ver-[assen
wurde. Das ist die »Temperatur in der Sonne«. Wieweit sich verschiedene Körper unter