Schmidt, W.: Zur Frage der Verdunstung.
141
Luftmassen das Geschwindigkeitsgefälle in der Höhe zwar verringern, in den untersten Schichten aber
ohne weiteres erhöhen könnte, Im übrigen stellen die angeführten Zahlen Mittelwerte dar; der einzelne
Fall mag davon beträchtlich abweichen, Sicher ist aber, daß danach die an der Meeresoberfläche
und in einer Höhe von z. B. 5 m darüber gemessenen Verdunstungswerte leicht um 40°, von-
einander abweichen.
In ähnlicher Weise schwerer zu kontrollieren ist auch der Dampfdruck. Mit Hilfe von
Gerüsten, auf denen die Messungen in verschiedener Höhe vorgenommen wurden, fand Bigelow,
daß sich schon verhältnismäßig kleine Flächen (einige Hundert Meter Breite) mit einer wasserdampf-
reichen Schicht von etwa 9 m Mächtigkeit überzogen, wodurch die Verdunstung darunter stark herab-
gesetzt wurde. Bei größerer Ausdehnung der Wasserfläche. darf man wohl auch höheres Erstrecken
der feuchten Schicht voraussetzen. ;
& 12. Nachhinken der versenkten und schwimmenden Becken. Wenn bisnun
bloß von den Verdunstungsmessungen mit frei aufgestellten Gefäßen die Rede
war, so geschah dies deshalb, weil bei den in den Boden eingelassenen oder in
das Wasser eines Sees eingetauchten, trotz ihrer unleugbar größeren Anlehnung
an die Verhältnisse, die wiedergegeben werden sollen, eine neuerliche Neben-
wirkung hinzukommt, die man als thermische, Trägheit bezeichnen kann.
Sie tritt eigentlich auch bei den größeren freistehenden Gefäßen auf und besteht
darin, daß die Temperatur des Apparates, als seines wichtigsten Teiles die der
Wasseroberfläche, gegenüber Änderung der äußeren Bedingungen zeitlich nach-
hinkt. So ist das Wasser während der späteren Nachmittagsstunden verhältnis-
mäßig zu warm, in den Vormittagsstunden, wenn die Lufttemperatur zunimmt,
zu kalt; dort wird die Verdunstung wesentlich erhöht, hier erniedrigt. Gleiches
tritt bei noch größeren Wassermassen, Seen z. B., im Jahresverlauf ein. Deshalb
wäre wirklich die Verdunstung eines Sees am besten aus der eines schwimmenden
Verdunstungsgefäßes zu bestimmen, wenn nicht diesem im allgemeinen doch
mehr Energie erhalten bliebe: so wird die Strahlung, welche ins Wasser ein-
dringt, spätestens am Boden des Gefäßes abgefangen, und das Mischen der
obersten Schichten durch Wind und Strömung erniedrigt die Oberflächen-
temperatur bloß im freien Teil, im Becken nur insoweit, als Leitung dies ver-
mittelt. Unter günstigen Bedingungen scheinen, wie aus den einschlägigen
Untersuchungen zu ersehen ist, allerdings die Unterschiede nicht hoch an-
zusteigen; sie wirken aber um so stärker, da die Luftmassen knapp ober aus-
gedehnteren Wasserflächen zum großen Teil gesättigt sind.
8 13. Wirkung verschiedener thermischer Trägheit. Das Nachhinken der Temperatur hat
die Wirkung einer wesentlichen Verzögerung des täglichen Ganges der Verdunstung mit
zunehmender Beckengröße, während die kleinen Gefäße den rein in der Luft abgenommenen
meteorologischen Elementen — welche bei älteren Messungen allein berücksichtigt wurden — rasch
folgen. Es könnte trotzdem den Anschein haben, als würde dadurch der Mittelwert der Verdunstung,
etwa über den Tag genommen, nicht wesentlich geändert, da der zu großen Verdunstung zu der einen
Zeit eine zu geringe zu der anderen Zeit entspricht. Dem ist aber — und auch da nur bei geringer
täglicher Temperaturschwankung — nur dann angenähert so, wenn der Verdunstungsmesser genau
den gleichen Bedingungen ausgesetzt ist, wie die zu vergleichende Wasserfläche; das ist bloß bei
schwimmenden Apparaten genügend erfüllt. Sonst besteht der gewichtige Unterschied, daß der kleine
Apparat voll den äußeren meteorologischen Verhältnissen ausgesetzt ist und ihnen folgt, während sich
jede größere Wasserfläche ihre eigene Umgebung selbst schafft, Dabei wird aber die Verdunstung
stets vermindert (vgl. $ 11).
Der Einfluß der Temperatur des Wassers im Verdunstungsgefäß ist ein ganz erheblicher;
durch sie wird ja das_e, ($ 10) gegeben. Die Wirkung ist desto größer, je größer die Sättigung der
Luft, da durch die Änderung eine Differenz beeinflußt wird. So ergeben sich, gerechnet nach der
Daltonschen Formel, bei einer mittleren Temperatur
20°
Sr N ga
und relativer Feuchtigkeit von 60 80 90%, 60 80 90%
Zunahmen der Verdunstung um 40 80 162% 33 66 132%,
wenn die Temperatur des Verdunstungsgefäßes um 2° C- über den Gleichgewichtszustand erhalten
nr Das Bestimmende ist also die relative Feuchtigkeit, die Mitteltemperatur hat nur. geringen
Einfluß.
8 14. Weitere Fehlerquellen. Nur kurz werde noch auf einige Fehler-
quellen hingewiesen, welche nicht immer entsprechende Beachtung finden. Eine
ist das. Benetzen der Wände des Gefäßes durch das Wasser, das sich kapillar
daran hinaufzieht. Hierdurch wird die Wasseroberfläche vergrößert, die Ver-
dunstung aber um so mehr gesteigert, da von dem freistehenden Teil des Gefäß-
randes größere Energiemengen. geliefert werden, insbesondere bei Sonnenschein.