Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1916,
diesbezüglichen Zusammenstellung eine Reihe von solchen Unglücksfällen mit
und bewies aufs schlagendste, daß ihre Entstehung nur auf mangelhaftes oder
gar falsches Verständnis der farbigen Signale seitens des verantwortlichen Personals
zurückzuführen war. Er führte weiter eine ganze Reihe von Fällen an, in denen der-
artige Unglücksfälle nur durch rechtzeitiges Eingreifen anderer noch im letzten
Augenblick verhütet wurden und wies mit Recht auf die große Anzahl von Unfällen
hin, bei denen ein ähnlicher Nachweis nur durch den "Tod der dabei Beteiligten
vereitelt wurde. Ferner lenkte er die Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß man
zumeist auf scheinbar viel näher liegende Ursachen und Möglichkeiten fahnden zu
müssen glaubte, als sich von der bislang so vernachlässigten und daher noch wenig
bekannten, aber doch so häufig vorkommenden Farbenuntüchtigkeit der
Beteiligten zu überzeugen. Alle diese Umstände wirkten zusammen, dem Farben-
sinn der Seeleute eine vermehrte Aufmerksamkeit zuzuwenden und die bisher
dieser Art der Sinneswahrnehmungen gegenüber geübte Geringschätzung zu ver-
meiden. Hand in Hand mit diesen wichtigen Feststellungen gingen die analogen
Erfahrungen, die bei dem ebenfalls mit farbigen Signalen geübten Eisenbahndienst
in gleich fataler Weise gemacht wurden und die hier wie dort die gebieterische Not-
wendigkeit einer verschärften dem Farbensinn zu schenkenden Aufmerksamkeit
immer mehr betonen ließen.‘ So sehen wir denn in den letzten Jahrzehnten die be-
teiligten Kreise in zunehmender Weise von der Notwendigkeit der Forderung durch-
Arungen, durch ein vertieftes Studium der einschlägigen Verhältnisse die Kenntnis
und Erkenntnis der Farbensinnstörungen zu fördern und die Überzeugung von ihrer
wichtigen Rolle und ihren bedeutungsvollen Folgen zu verbreiten, Die in dieser
Richtung angestellten Untersuchungen haben nun manches Licht in das bisherige
Dunkel der Farbensinnstörungen gebracht; sie haben nicht nur ihre große praktische
Bedeutung für bestimmte Berufsarten wie den Seemanns- und KEisenbahndienst
überzeugend nachgewiesen, sondern auch mit immer wachsendem Erfolg durch
vielfache wissenschaftliche Untersuchungen die Kenntnisse dieses schwierigen und
bisher so vernachlässigten Gebietes erweitert und vertieft. Infolgedessen haben
sich die früheren Anschauungen über viele Dinge ganz wesentlich geändert und auch
die jüngsten Forschungsergebnisse lassen trotz der erzielten Fortschritte Zweifel,
ob wir schon am Ende ihrer Erkenntnis angelangt sind.
Einen weiteren stichhaltigen Grund für die Notwendigkeit genauer und
zuverlässiger Farbensinnprüfungen und das Streben nach vollkommneren Prüfungs-
methoden ziehen Stargardt und Oloff!) heran. Sie weisen nach, wie schon die
„Rücksicht auf die sozialen Verhältnisse des Prüflings‘‘ einen sicheren Aufschluß
über den Farbensinn gleich bei Eintritt in seinen Beruf als Seemann verlangt.
„Die ganze bisherige Lebensarbeit eines Solchen ist umsonst‘, wenn die Minder-
wertigkeit seines Farbensinns, die bei der Aufnahmeprüfung übersehen ist, erst
gelegentlich einer Nachprüfung festgestellt wird und nun ein weiteres Verbleiben
in dem bisherigen Beruf ausschließt.
Eine Tatsache von großer Wichtigkeit war die durch häufigere und vertiefte
Untersuchungen immer mehr bestätigte Erkenntnis, daß die Farbensinnstörungen
keineswegs, wie man bisher annahm, zu den großen Seltenheiten gehören, die wegen
ihrer Unheilbarkeit und da sie nur angeboren vorkommen, weder ein besonderes
soziales noch ärztliches Interesse wachriefen. Es wurde vielmehr festgestellt, daß
fast jedes zehnte männliche Individuum von einer mehr oder weniger deutlichen
Farbensinnstörung betroffen ist, während auffallenderweise das weibliche Geschlecht
von ihr so gut wie ganz verschont bleibt.
Bevor wir uns nun einer näheren Betrachtung des Wesens der Farbensinn-
störungen?), ihrer praktischen Bedeutung und den zu ihrer Erkennung angewandten
Methoden zuwenden, ist es geboten, in einer kurzen Darstellung zuerst alles das
zusammenzufassen, was wir zur Zeit über das Farbensehen des Normalen, des farben-
gesunden‘ oder besser farbentüchtigen Menschen wissen, ohne dabei nicht mehr
‘) Stargardt und Oloff, Diagnostik der Farbensinnstörungen. Jul. Springer, Berlin 1912,
2) Näheres siehe: Köllner, Die Störungen des Farbensinnes, ihre klinische Bedeutung und
'hre Diagnose. Berlin 1912.