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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 44 (1916)

Ann, d. Hydr. usw., XXXXIV., Jahrg. (1916), Heft I. 
Die Bedeutung der Farbensinnstörungen für den Seemannsberuf 
und ihre Erkennung. 
Von Marine-Generaloberarzt Dr. Podestä, Garnisonarzt in Cuxhaven, 
(Hierzu Tafel 1.) 
Für den Seemann ist neben körperlicher Widerstandsfähigkeit und Rüstig- 
keit ein Haupterfordernis zur Ausübung seines schweren Berufes die sichere und ver- 
äßliche Funktion unseres wichtigsten Sinnesorgans, des Auges. Das scharfe Auge 
des Seemannes ist im Volksmunde zu allen Zeiten sprichwörtlich gewesen. Man hat 
infolgedessen von jeher bei der Beurteilung der Eignung zum Seemannsberuf der 
Prüfung der Leistungsfähigkeit des Auges eine große Bedeutung beigemessen, durch- 
drungen von der Wichtigkeit eines guten Sehvermögens für die beruflichen Seefahrer, 
denen Leben ünd Güter in immer steigendem Maße anvertraut werden und im 
Hinblick auf die vielfachen Gefahren, die diesen durch eine mangelhafte Funktion 
des Auges erwachsen können. Es hat sich lange Zeit die Meinung erhalten, daß 
lediglich ein scharfes Sehvermögen für die Erkennung von Gegenständen in möglichst 
weiter Ferne genüge, um den Seemann für die Ausübung seines verantwortungsvollen 
Berufes tauglich zu machen und erst der Neuzeit mit ihrem enormen Aufschwung 
der Schiffahrt ist die Erkenntnis vorbehalten geblieben, daß es mit der Sehschärfe 
des Auges allein nicht geschehen ist, sondern daß es noch einer anderen wichtigen 
Eigenschaft des Auges bedürfe, um von einem für den Seemannsberuf vollwertigen 
Gesichtssinn sprechen zu können. Diese Eigenschaft ist ein normales Farbenunter- 
scheidungsvermögen. 
Obwohl Farbensinnstörungen sicherlich so alt sind wie die Welt, datieren 
nähere Kenntnisse über sie nur etwa 100 bis 150 Jahre zurück und sie lenkten die 
Aufmerksamkeit weiterer Kreise erst auf sich, als infolge der allgemeinen Einführung 
farbiger Signale im See- und Eisenbahnverkehr erkannt wurde, von welch weit- 
tragender Bedeutung Farbensinnstörungen für große Kreise des Berufslebens werden 
konnten. Denn während man bis dahin nur die extremen Grade dieser Anomalie, 
nämlich die echte Farbenblindheit, näher kannte, diese aber schon infolge der fast 
stets mit ihr einhergehenden Herabsetzung des Sehvermögens den Farbenblinden 
von vornherein für den Seemannsberuf untauglich machte, lag so lange kein be- 
sonderer Grund vor, den Farbensinnstörungen vom Standpunkte der Eignung zum 
Seemannsberuf eine besondere Bedeutung beizumessen, als bei der noch unbedeutenden 
und unentwickelten Seeschiffahrt der Gebrauch farbiger Signale noch keinen größeren 
Umfang angenommen hatte. Dies änderte sich aber bald mit der allgemein werdenden 
Benutzung des Dampfes als treibende Kraft für die Schiffahrt. Der dadurch bedingte 
rasche Aufschwung und der zunehmende Umfang der Seeschiffahrt, die jetzt ermög- 
lichten größeren. Geschwindigkeiten, die Innehaltung dieser Geschwindigkeiten auch 
zur Nachtzeit oder bei Nebelwetter und auf regelmäßig eingehaltenen, von den Wind- 
verhältnissen unabhängigen Fahrtstrecken mußten notwendigerweise das Signal- 
wesen zur See mittels farbiger Lichter zu einer um so größeren Wichtigkeit und Be- 
deutung bringen, je mehr die aus all den genannten Umständen erwachsenden Ge- 
fahren zunahmen. Die größte Wichtigkeit aber gewann das Signalwesen in der 
Kriegsmarine, wo bei den Manövrierübungen in Verbänden die gegenseitige 
Verständigung und Befehlsübermittlung von Schiff zu Schiff größtenteils mittels 
farbiger Signale in Gestalt von Flaggen und Lichtern erfolgt, die schnell und sicher 
gesehen und erkannt werden müssen. Da stellte sich nun heraus, und leider waren 
Unglücksfälle, die sich in beängstigender Weise mehrten, die erste Veranlassung 
zu derartigen Feststellungen, daß eine ganze Anzahl von Seeunfällen infolge von 
Schiffszusammenstößen oder unrichtig eingehaltenen Fahrtstrecken und Geschwindig- 
keiten usw. nur auf unrichtiges Verstehen und Ablesen richtig gegebener farbiger 
Signale zurückgeführt werden konnte. Der Engländer Nettleship teilte in einer 
Ann. d, Hydr. usw. 1916. Heft I.
	        
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