Winters, R.: Die Eisverhältnisse an den deutschen Küsten im Winter 1914/15. 99
Es zeigt sich zunächst, daß der ganze Winter in der Nordsee und die
Monate Dezember, Januar und Februar in der Ostsee verhältnismäßig milde,
dagegen in der östlichen Ostsee die Monate November und namentlich März
ziemlich kalt waren. Um die einzelnen Frostzeiträume zu kennzeichnen, ist auf
Tafel 2 ein Bild des Temperaturverlaufs der in der vorstehenden Tabelle auf-
geführten Orte gegeben, das durch Bildung von fünftägigen Mitteln der Luft-
temperatur gewonnen wurde, Die Frostperioden sind hierin durch Schraffierung
hervorgehoben; sie lassen den engen Zusammenhang mit den Eisverhältnissen
an den Küsten erkennen. Es tritt wieder die typische Erscheinung hervor, daß
die Östliche Ostsee den anhaltendsten und stärksten Frost und dementsprechend
auch die größte Zahl von Eistagen und die stärkste Eisbesetzung aufzuweisen
hat, während die Temperatur und die Eisverhältnisse an der westlichen Ostsee-
küste günstiger, am günstigsten aber an: der Nordseeküste waren,
Im Gegensatz zu dem vorjährigen Winter setzte der Frost in der Ostsee
sehr früh, in der dritten Pentade des November ein, so daß die ersten Eis-
meldungen aus der östlichen und mittleren Ostsee bereits am 23. November hier
eingingen. Der Monat Dezember war an der ganzen deutschen Küste sehr milde
und vom 9. bis 24. Dezember waren alle Stationen eisfrei. Während die östliche
Ostsee in den folgenden Monaten bis in den Monat April mehrere, schnell auf-
einander folgende Frostperioden aufweist, hatte die Nordsee nur an einigen
Stellen kurze und schwache Frostperioden.
Nordseeküste.
Die Temperaturkurven: von Borkum und Keitum (Sylt) auf Tafel 2 lassen
erkennen, daß von nennenswertem Frost im letzten Winter an der Nordseeküste
kaum die Rede sein kann. In Borkum herrschte in der zweiten Pentade des
Monats Februar Frost nur an wenigen Tagen in Stärke von einem halben Grad
im Mittel. In der Kurve von Keitum (Sylt) zeigen zwei kurze Frostperioden,
die eine Ende Januar und eine zweite Anfang Februar, einen Frost von unge-
fähr 1 Grad an; außerdem war auf Sylt in der vierten Pentade des Monats
März geringer Frost von ganz kurzer Dauer. Der Temperatur entsprechend
waren auch an der Nordseeküste die Eisverhältnisse des Winters 1914/15 noch
günstiger als im schon sehr günstigen Vorwinter.
Die Dampfschiffahrt war gänzlich unbehindert, ein Schluß der Segel-
schiffahrt trat nicht ein, und die erschwerte Segelschiffahrt meldeten Tönning
an 12, Glückstadt an 8, Brunshausen an 1, Harburg an 2, Wangeroog und
Norderney an je 1, Nesserland vorliegendes Emsgebiet und Nesserland Hafen-
einfahrt an 2 bzw. 3 Tagen. Im Emdener Außenhafen und Innenhafen war
während des ganzen Winters keine Behinderung der Schiffahrt durch Eis ein-
getreten. ‚Bei Leerort hatte die Emsfähre den Güterverkehr am 6. und 7, Februar,
am letzteren Tage auch den Personenverkehr nur auf wenige Stunden, Eises
halber, eingestellt, Die Summe aller Tage, an denen überhaupt Eismeldungen
vorliegen, blieb auf allen Stationen der Nordsee bedeutend gegen die des Vor-
jahres und gegen die mittlere Anzahl des achtjährigen Zeitraumes 1903/04 bis
1910/11 (vgl. diese Zeitschrift, Jahrg. 1911, S. 633) zurück.
Ostseeküste.
Wie in den früheren Jahren, gestalteten sich die Eisverhältnisse auch dies-
mal an der deutschen Ostseeküste weit ungünstiger als an der Nordseeküste, und
zwar ostwärts fortschreitend in zunehmendem Maße, hauptsächlich veranlaßt
durch die den mittleren Verhältnissen entsprechende, auch in diesem Jahre beob-
achtete Abnahme der Temperatur von Westen nach Osten. Diese Temperatur-
verteilung zeigen deutlich‘ die Temperaturkurven von Rügenwaldermünde und
Memel (Tafel 2). Die Kurve von Rügenwaldermünde zeigt sechs Frostperioden
von verschiedener Dauer und Stärke an, und zwar die erste bereits Ende No-
vember 1914 und die letzte noch Anfang April 1915. Anfang März fiel die
mittlere Temperatur des genannten Ortes in der vierten Frostperiode auf — 4.2°.