16
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1915.
des Schwarzen Meeres eine durchschnittliche Niederschlags- und Verdunstungs-
höhe, und zieht dementsprechend beim Flußwasser auch die Donau und die
übrigen Schwarzmeer-Flüsse heran.
Bei der grundsätzlichen Verschiedenheit, die in den klimatischen Be-
dingungen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer bestehen, und bei der
Ähnlichkeit der Funktion der Bosporus-Enge mit der der Gibraltar-Enge dürfte
es richtiger sein, das neue »Thor«-Material zur Beantwortung einer etwas
anderen, schon von Th. Fischer!) angedeuteten und von O. Krümmel?) im
Überschlag nach älterem Material behandelten Fragestellung zu benutzen, der-
art, daß wir nur für das eigentliche Mittelmeer — also ohne das
Schwarze Meer — bestimmen, wieviel Wasser jährlich verdunstet, und wieviel
Prozent hiervon gedeckt werden erstens durch Fluß- und Regenwasser, zweitens
durch den Gibraltarstrom, drittens durch den Bosporusstrom, Wir setzen also an
Ju + Je + F=UG + Up +E,
worin Jg und Ug den Ober- und Unterstrom von Gibraltar, Jpz und Up dasselbe
für den Bosporus bedeuten.
A. Die durch die Gibraltar-Enge gehenden Wassermengen.
Daß trotz der stark überwiegenden Ostströmung der Oberfläche Ge-
zeitenbewegungen in der Straße von Gibraltar eine große Rolle spielen, ist
bekannt, zumal in seemännischen Kreisen; ein !/„ bis 2 Sm breiter Streifen auf
der europäischen und auf der afrikanischen Seite hat dauernd Gezeitenstrom®).
Wie mächtig aber der Gezeitencharakter auch innerhalb des einlaufenden atlan-
tischen Oberstromes selbst und des auslaufenden mittelmeerischen Unterstromes
ausgeprägt ist, haben neuerdings die Untersuchungen des »Michael Sars« von
Ende April 1910 gelehrt?); neben den überwiegenden Zeiten, in denen der ein-
wärts gerichtete Strom nach Tiefe und Geschwindigkeit vorherrscht, kommen
auch Perioden vor, wo dieser Oberstrom fast ganz unterdrückt ist und das
Wasser fast des gesamten rund 320 m tiefen Profils westwärts fließt, und zwar
mit großer Geschwindigkeit. Allerdings sind nach den Angaben der Segel-
handbücher solche Perioden immer nur von kurzer Dauer. Krümmel®) hat in
einem Isoplethendiagramm den ideellen Fall der vollen Kombination von Ebbe-
und Flutstrom mit Ober- und Unterstrom unter Anlehnung an die wahrschein-
lichen Verhältnisse der Gibraltar-Straße behandelt und sagt dabei mit Recht,
daß in solcher Straße Strommessungen, die nicht eine volle Tide hindurch die
ganze Wassersäule in zeitlichen Abständen von 1 oder 2 Stunden untersuchen,
kaum ein zutreffendes Bild von der mittleren Stromschichtung und Wasser-
führung abzuleiten gestatten. Hiernach können auch die Stromprofile des
»Michael Sars« nicht entscheidend benutzt werden, wenigstens soweit sie ver-
öffentlicht sind; aber einen Anhalt geben sie immerhin,
In Verbindung mit den Salzgehaltsprofilen des »Thor« und den see-
männischen Angaben über die beobachteten Versetzungen im Oberflächenstrom®)
werden wir daher berechtigt sein — und dabei nicht zu hoch greifen —, dem
atlantischen Oststrom (Jg) eine mittlere Mächtigkeit von 125 m, eine Durchschnitts-
geschwindigkeit von knapp 2 Knoten = 3.6 km/Stunde oder 100 cm/Sekunde zu-
zuweisen, und zwar für das ganze 14 km breite Profil. Bei der verhältnismäßig
niedrigen Zahl für Geschwindigkeit beachte man, daß sie für die ganze Schicht
von 0 bis 125 m gelten soll. In km-Zahlen haben wir dann die Jahresmenge
Ju == 14 X 0.125 X 3.6 X 24 x 365 — 55198 km ®. (1.)
Peterm, Geograph. Mitteil. 1885, ©. 415.
‚ Handbuch der Özeanographie, II. S. 625.
’) Reichs-Marine-Amt, Handbuch der Küste Portugals usw., 2, Aufl. Berlin 1913, S. 196.
4) Dr. Hjort, Tiefsee- Expedition des »Michael Sars«, Internationale Revue für Hydro-
biologie usw,., 1911, S. 162/163,
5) Handbuch der Ozeanographie, II. 505,509,
3) Reichs-Marine- Amt, Handbuch der Küste Portugals, 2, Aufl. 1913, S. 196: »die Strom-
geschwindigkeit beträgt bei antem Wetter und Stillwasser im engen Teile der Straße 2 bis 35m...
erreicht zwischen Tarifa und Cıris-Huk zuweilen 5 bis 6 Sme