79
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1915.
Im Jonischen Meere zeigt die Kartenskizze (Tafel 4) in Abweichung von
Nielsen für die Große und Kleine Syrte eine weitausgreifende rückläufige
Bewegung; sie wird durch die bei Bengasi nordwärts vorspringende Küste und
durch die Erdrotation genügend gestützt, auch die seemännischen Küstenhand-
bücher sprechen dafür, und die ozeanographischen Verhältnisse — soweit man
sie kennt — sprechen nicht dagegen. So bedeutsam die an der engsten Stelle
8 Sm breite und mindestens 380 m tiefe Gibraltar-Straße für den Wasserhaushalt
des Mittelmeeres ist ($ 8), so bedeutungslos ist, auch nach den Forschungen des
»Thor«, für diese allgemeine Frage die Messina-Straße; in ihr, die an der
engsten Stelle nur 2 Sm Breite und 90 bis 100 m Tiefe erreicht, herrschen
lediglich lokal wichtige Gezeitenbewegungen‘).
An der libysch-ägyptischen Küste verliert der atlantische Strom direkt an
der Oberfläche alle seine weiter westlich vorhandenen ursprünglichen Kenn-
zeichen; im Westen, an der algerischen Küste erscheint er im Sommer relativ
kühl und salzarm (S. 65), hier aber im Osten wird er schon von etwas salz-
reicherem, dabei wärmerem Wasser in dünner Schicht überlagert und tritt
deutlich nur noch in den Tiefen von 50 m auf, wie dies besonders gut die
Station 156 des »Thor» gezeigt hat (Tafel 1 und S. 4/5). Für den östlichsten
Teil des Levante-Beckens, zumal für die syrischen Gewässer, fehlen moderne
Beobachtungen,
Die zum Atlantischen Ozean, nach Westen gerichteten Ober-
flächenströmungen. Im Balearen-Becken an der spanischen Ostküste entlang
werden die Bewegungen nach Südwesten hauptsächlich im Winter aus dem Verlauf
der Isothermen (Tafel 6) ersichtlich; im übrigen erscheinen sie durch eigentliche
»Strom«-Beobachtungen der Schiffe wenig gestützt. Ähnliches gilt für das Tyr-
rhenische Meer, In der Adria dagegen sind die entsprechenden SO-Bewegungen
der italienischen Seite aus der Salzgehalt- und Temperaturverteilung gut
erkennbar und auch durch die neue österreichisch-italienische Adria-Forschung
in den meisten Fällen nachgewiesen?); gleichwohl fehlen sie zeitweise. Im
Agäischen Meere endlich erreicht der Süd- und Südweststrom nach Temperatur,
Salzgehalt und navigatorischer Bedeutung die weitaus schärfste Ausbildung und
größte Konstanz seiner Kennzeichen; von den Dardanellen her zum Doro-Kanal
bei der Südspitze Euboeas ziehend, fließt er in den Engen und bei den Kaps,
auch noch am Kap Maleas, westwärts mit 1!/, bis 2 Sm Stundengeschwindigkeit.
Diese in den vier Einzelbecken des Mittelmeeres von Westen nach Osten
allmählich sich vollziehende Steigerung der Intensität der letzten Endes zum
Ozean hinaus gerichteten, Bewegungen erscheint rein geographisch beachtenswert:
im Osten, wo der atlantische Oststrom langsam erlischt, setzt der mittelmeerische
Weststrom am stärksten ein. Umgekehrt ist es im Westen, bei der Gibraltar-
Gegend: hier herrscht der atlantische Oststrom vor, der mittelmeerische Weststrom
tritt zurück, Soweit die Oberflächenströmungen.
B. In der Zwischenschicht,
für die die Tiefen besonders von 300 bis 500 m in Betracht kommen (S. 4),
Äinden wir in der Hauptsache westwärts gerichtete, zum Atlantischen Ozean hinaus
zielende Wasserversetzungen, die zugleich das uns aus 8 2 bekannte charak-
teristische Maximum des Salzgehaltes dieser Schicht bedingen. Dieser Unterstrom
dürfte größere Geschwindigkeiten nicht bloß in der Gibraltar-Straße (S. 7)
erreichen, sondern auch an nicht wenigen anderen Stellen, so z. B. in der Passage
zwischen Tunis und Sizilien, Abgesehen von den drei berühmten Engen des
Bosporus, der Dardanellen und der Gibraltar-Straße. in denen er durch Strom-
1) Hierüber vgl. die auf italienischen Quellen und eigenen Beobachtungen heruhende Studie von
W. Lohmann, Die Strömungen in der Straße von Messina und das Plankton in derselben: erste
Studie in Internat. Revue für Hydrobiologie und Hydrographie II, 1909, 8. 505 ff, zweite Studie
ebenda, III. 1910. ©, 275 ff. Mit Karten. Auch Krümmel im Handbuch der Ozeanographie, II.
Q 268 ff
?) Man vgl. z. B. die Karten von A. Grund in E. Brückners Vortrag, XVIII. Deutscher
Geographentag zu Innsbruck. Berlin 1912. 8. 15 4.