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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

Ann. d. Hydr. usw., XXXXUII. Jahrg. (1915), Heft II. 
49 
Aufgaben und Probleme der Ozeanographie ). 
Von Dr. W. Brennecke, Hamburg. . 
Die Entwicklung der Ozeanographie — und auch die der sich hieraus 
ergebenden Probleme — ist eng verbunden mit der Entwicklung der Instrumenten- 
technik, Erst nachdem es gelungen war, technisch einwandfreie Lotungen durch 
Benutzung des Klaviersaitendrahts und am Meeresboden sich loslösender Lot- 
gewichte in kurzer Zeit auszuführen, entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten 
unsere Kenntnis vom Relief des Meeresgrundes, Durch die Arbeiten der Kabel- 
dampfer, der Vermessungsschiffe der Marinen und der: großen Forschungs- 
expeditionen kennen wir heute die Mehrzahl der Großformen des Meeresbodens, 
die Becken und Gräben sowie die Plateaus und Rücken: Aber noch auf weiten 
Gebieten sind die Lotungen so spärlich, daß der Verlauf der Isobathen, im Ab- 
stand von 1000 m gezogen, hypothetisch ist. Vor. allen Dingen gilt dies für den 
größten der Ozeane, den Stillen Ozean, aber auch im Indischen und Atlantischen 
Ozean harren noch viele morphographische Probleme ihrer Lösung. Um 
einzelnes beim Atlantischen Ozean herauszugreifen, weise ich auf unsere mangel- 
hafte Kenntnis der Bodenverhältnisse vor der Amazonas-Mündung, ferner des 
Reliefs des Nordpolarbeckens und seiner Verbindung mit dem europäischen Nord: 
meer zwischen Grönland und Spitzbergen, und schließlich des südlichsten Teils 
der atlantischen Längsschwelle hin. Eine weitere interessante morphographische 
Frage ist diejenige nach der Realität der von zahlreichen Schiffen im 
offenen Ozean gemeldeten Untiefen — eine Frage, die schwer zu lösen ist, 
Technisch sind hierbei die Schwierigkeit der exakten Ortsbestimmung und wahr- 
scheinliche Fehler der älteren Positionsangaben zu berücksichtigen, ferner kommt 
in Betracht, daß viele der Untiefen nur geringen Umfang haben und steil aus 
der Tiefsee aufragen. Ich führe zur Erläuterung an, daß der St. Pauls-Felsen 
unterseeische Böschungen von 28° von der Oberfläche bis 2000 m. Tiefe hat — es 
sind dieselben Böschungsverhältnisse wie beim Atna und andern Vulkankegeln: -— 
in 10 Sm Entfernung vom Felsen beträgt die Wassertiefe über 4000 m, in 2 
bis 3 Sm über 2007 m Tiefe, Wenn der Felsen 100 m unter der Wasseroberfläche 
liegen würde, glaube ich nicht, daß er durch eine‘ einmalige Nachsuche eines 
Schiffes, auf Grund einer älteren Meldung, gefunden werden würde, besonders 
da hier die Stromversetzungen 2 bis 3 Sm pro Stunde betragen können, Dies 
mahnt uns, mit der Austilgung von Untiefen auf Grund einmaliger Nachsuche 
vorsichtig zu sein,  Anderseits läßt sich nicht in Abrede stellen, daß gewisse 
Untiefen, die auf den Karten eingezeichnet sind, nicht vorhanden sind. -Hier 
liegt nun einerseits die Möglichkeit vor, daß entweder die ältere Beobachtung 
unzuverlässig und daher die angegebenen Positionen — namentlich in der Länge — 
sehr falsch gewesen sind, anderseits ist aber die Möglichkeit von Niveauänderungen 
des Meeresbodens in jüngsten Zeiten nicht von der Hand zu weisen. Denn-daß 
Berichte, wie diejenigen von dem Vorhandensein einer mehrere 100 Sm aus- 
gedehnten Bank im Südatlantischen Ozean, auf die seinerzeit Dinklage aufmerksam 
gemacht hatte, die aber von dem Expeditionsschiff »Deutschland« nicht gefunden 
wurde, gefälscht seien, erscheint ausgeschlossen — es bleibt hier nur die Mög- 
lichkeit einer falschen Ortsbestimmung oder einer Bodensenkung übrig. Dies 
leitet zu den morphologischen Problemen über, zu der Entstehung‘ der 
Ozeanbecken und ihrer unterseeischen Gebirge. Ein näheres Eingehen hierauf 
würde zu weit führen, ich weise nur auf Philippis Hypothese anläßlich der Ent- 
° 1) Niederschrift eines. Vortrages, der für die Hamburger akademischen Ferienkurse bestimmt 
war, ‚die infolge des Krieges nicht durchgeführt wurden. 
Ann. d. Hydr. usw, 1915, Heft II.
	        
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