Sokolowsky, A.: Aus der Naturgeschichte der Wale,
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während die großen Zähne des Unterkiefers homodont sind, kein Email haben
und in einer Furche mit nur unvollständiger Verteilung in Alveolen stehen. Der
Kopf dieses Ungeheuers ist am Schnauzenende hoch aufgetrieben und gerade ab-
gestutzt. Die in den aufgetriebenen Knochen sich findenden großen Kavernen
enthalten eine ölige Masse, die Spermaceti.
Infolge der abgeschnittenen Form des
Kopfes kommt bei diesem Wal als alleinige
Ausnahme das äußere Nasenloch an die
Spitze der Schnauze zu liegen. Der Unter-
kiefer ist beträchtlich schmäler und kürzer
als der Oberkiefer, von welchem er bei
geschlossenem. Rachen umfaßt wird. Im
letzten Dritteil des Körpers erhebt sich
eine niedere, höckerartige, unbewegliche
Fettflosse. Die Brustfinnen sind kurz und breit und stehen unmittelbar hinter
dem Auge. Auf ihrer Oberseite zeigen sie fünf Längsfalten, welche den Fingern
entsprechen. Die Schwanzfinne ist zweilappig, aber nicht tief eingeschnitten,
Die Zunge ist am Grunde des Unterkiefers festgewachsen. Der FPottwal findet
sich in allen Meeren der Erde mit Ausnahme der Eismeere und benachbarter
Gewässer. Gleich den Delphinen hält er sich in »Schulen« von verschiedener
Stärke zusammen. Er soll eine außerordentliche Schnelligkeit in der Bewegung
besitzen. Die hauptsächlichste Nahrung dieses Riesen bilden verschiedene Arten
Kopffüßer, auf Fischjagd scheint er dagegen nicht zu gehen.
Die Pottwale führen, wie Kapitän John Pease berichtet, nicht selten
grimmige Fehden unter sich aus. Er sah nicht nur sehr häufig die Männchen
im Kampfe, wobei sie mit weit geöffnetem Rachen aufeinander losstürzten, sondern
konnte auch an vielen Kadavern die tiefen Bißwunden in der Haut beobachten,
die von Geschlechtsgenossen den Tieren beigebracht waren. Ungefähr zwei Pro-
zent der beobachteten Pottwale hatten ihren Unterkiefer zerbrochen oder ver-
bogen. Die zahlreichen Exemplare spiralig eingerollter Physeterunterkiefer in
verschiedenen Museen sind als derartig verletzte Kiefer anzusehen. Auch G.A,.Gold-
berg hat schwere Bißwunden an den Schnauzen von Pottwalen beobachtet.
Bei den Bartenwalen (Mystacoceti) zeigt die Bewehrung des Mundes
für die Zwecke der Nahrungsaufnahme ein ganz anderes Verhalten. Hier fehlen
die Zähne vollständig; statt dessen finden sich zwei Reihen Bartenplatten längs
dem knöchernen Gaumen. Daß aber die Bartenwale von Zahnwalen abstammen,
läßt sich aus ihrer Entwicklung nachweisen, indem verkalkte, heterodonte Zahn-
anlagen bereits fötal resorbiert werden, Die Barten dieser Wale sind laut Haeckel
aus den transversalen, auch bei anderen Säugetieren vorkommenden Gaumen-
leisten entstanden. Während der äußere vertikale Rand dieser großen Horn-
platten glatt ist und bei geschlossenem Munde von dem Unterkiefer schützend
umfaßt wird, erscheint dagegen der innere, schräg gegen die Mitte aufsteigende
Rand derselben zerfasert. Zwischen diesen Hornfasern der Barten bleiben die
kleinen Planktontiere, welche der Wal zu Tausenden verschluckt, hängen und
werden zurückgehalten. Die bei den Embryonen der Bartenwale in den Kiefern
eingeschlossenen zahlreichen Kegelzähne gelangen niemals zum Durchbruch und
verschwinden später gänzlich.
Bei den Bartenwalen lassen sich keine Spuren des Schuppenpanzers erkennen,
Dagegen läßt sich nachweisen, daß die älteren Bartenwale ein spärliches Haar-
kleid, ähnlich wie das der Sirenen, besaßen. Nach Haeckel haben sich die
Bartenwale aus einer anderen Gruppe von terrestrischen Placentaltieren
entwickelt als die Zahnwale, weshalb die Ähnlichkeit beider Ordnungen auf
Konvergenz beruht. Die Bartenwale sind nach Abel nicht nur die Riesen unter
den lebenden Tieren, sondern ohne Zweifel auch die größten Meerestiere, die
jemals gelebt haben. Kein Meerestier aus der Vergangenheit der Erde hat nach
dem genannten Forscher die Länge des polaren Blauwals (Balaenoptera
müsculus, L.) erreicht, welche 25 bis 30 m beträgt.
Die Bartenwale werden in drei Familien geteilt, die sich voneinander
Anh d Hvdr usw 1915. Heft X.
Fig, 4.