156 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1915,
muß aber bereits sehr frühzeitig im Verlaufe der Erdgeschichte vor sich gegangen
sein, denn sie lassen in ihrer Organisation unzweifelhaft viele alte Züge erkennen,
die auf ihr hohes erdgeschichtliches Alter hindeuten,
Zeichneten sich die bisher angeführten Walarten alle durch rundliche
Kopfbildung aus, so lassen die nun folgenden durch die Verlängerung ihrer Kiefer
eine schnabelartige Bildung erkennen. Den Übergang bildet die Gattung La-
genorhynchus, Gray, von deren Arten L. albirostris, Gray aus dem Nord-
atlantischen Ozean die bekannteste ist. Entsprechend der längeren Kiefer-
bildung ist die Zahl der Zähne bei diesen Formen bedeutend größer, Sie kann
die Zahl bis zu 65 in jeder Kieferhälfte erreichen. Von diesen langschnabeligen
Delphinen finden sich zahlreiche, und unter diesen manche noch wenig bekannte
Formen, in tropischen Meeren, Die bekannteste Art ist der aus dem Mittelmeer
schon seit den Tagen des klassischen Altertums bekannte Delphin (Delphinus
delphis, L.), dessen Heimgebiet sich über alle Meere der nördlichen Halbkugel
ausdehnt. Von den Delphinen s, str. unterscheiden sich die der Familie der
Delphinäpteridae angehörenden Arten u, a. durch freie, nicht zusammen-
gewachsene Halswirbel sowie durch breitere Brustflossen. In ihrer Verbreitung
sind sie auf das Polarmeer beschränkt. Hierher gehören Arten, die sich durch
besonders auffallende Merkmale auszeichnen. Der lichten Färbung seiner Haut
verdankt der Weißwal (Delphinapterus leucas, Pall.) oder die Beluga seinen
Namen. Dieser Wal besitzt einen kleinen, länglich runden Kopf, der auf der Stirn
stark gewölbt ist. Seine stark reduzierten, hinfälligen Zähne sind schräg nach
vorn gerichtet. Eine noch eigenartigere Spezialisierung im Gebiß findet sich beim
Narwal (Monodon monoceros, L.). Bei diesem Wal entwickelt sich beim
Männchen nur linkerseits ein mächtiger, von rechts nach links gewundener, immer
hohler Zahn, der horizontal aus dem Maule hervorragt und eine Länge von 2 m
erreichen kann. Nur selten kommt auch der rechte zur Entwicklung. Meist bleibt
dieser, wie beim Weibchen beide, im Zahnfleisch verborgen, Die außerdem bei
ihm noch auftretenden Zähne zeigen rudimentäre Beschaffenheit und fallen früh
aus. Über die Bedeutung des langen Narwalzahnes ist vielfach gefabelt worden.
Da er nur dem Männchen zukommt, muß er als sexuelle Waffe angesehen werden,
die bei der Nahrungsaufnahme keine Rolle spielt, da sie sonst auch dem Weibchen
nicht fehlen dürfte. Der Narwal bewohnt die Meere des hohen Nordens, seine
Nahrung besteht aus Fischen, Weichtieren und Seegurken. Hieran reiht sich die
Familie der potwalartigen Wale (Physeteridae). Bei der Unterfamilie der
Ziphiinae bleiben mit Ausnahme von zwei Zähnen im Unterkiefer die Zähne
im Zahnfleisch geborgen. Zu diesen als »Schnabelwale« bezeichneten Meeres-
säugetieren gehört als eine der bekannteren Arten der Entenwal oder Dögling
(Hyperoodon rostratus, Müller), ein Ungetüm von 6 bis 8 m Länge. Seine
Verbreitung erstreckt sich über das Nördliche Eismeer und den Norden des
Atlantischen Ozeans. Nach Kückenthal findet sich bei dessen Embryonen eine
viel größere Zahl von Zahnanlagen als beim erwachsenen Tiere. Das Gebiß der
Embryonen ist aber, nach dem genannten Forscher, delphinidenähnlich, und die
Vermutung ist daher wohl begründet, daß der Dögling delphinidenähnliche Vor-
fahren gehabt hat. Ein weiterer Beweis für die Abstammung des Döglings von
Delphiniden liegt in dem Bau des embryonalen Magens. Während der Magen
des erwachsenen Tieres sehr abweichend gebaut ist und eine Reihe hintereinander
liegender Abteilungen aufweist und der oesophagende Kaumagen fehlt, zeigt
der embryonale Magen noch deutlich den charakteristischen Bau des Delphiniden-
magens mit seiner eigentümlichen Zweiteilung und Anlage des Kaumagens. Er
tritt in kleinen Trupps von drei bis sieben Individuen auf. In größeren Herden
finden sich ebensoviele Männchen wie Weibchen, die Tiere scheinen demnach in
Monogamie zu leben. Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus Tintenfischen.
Er ist ein echter Bewohner der Hochsee und findet sich nach Norden zu bis zur
Eisgrenze, erscheint demnach im Sommer in arktischen Gewässern.
Bei dem zur Unterfamilie der Physeterinae gehörenden Pottwal (Phy-
seter macrocephalus, L.) (Fig. 4), der im Männchen eine Länge von 18 m
erreicht, sind die Zähne des Oberkiefers rudimentär und brechen nicht durch,