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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

454 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1915. 
Schwimmorgan die proximalen Teile, Ein Hals fehlt den Walen, der mächtige 
Schädel ist fest mit dem Rumpf verbunden. Auffallend ist die oft hochgradige 
Asymmetrie des Schädels, Kückenthal führt diese auf die eigentümliche 
Lokomotion vermittels der Schwanzflosse zurück. Die langen Kehlfurchen der 
Furchenwale sind als Einrichtungen zur Vergrößerung der Mundhöhle aufzufassen. 
Schließlich sei noch auf den eigenartigen Bau des Gehirns der Wale auf- 
merksam gemacht. Im Gegensatz zu dem Gehirn anderer Säugetiere ist es bei 
den Walen meist breiter als lang. Es zeichnet sich durch großen Furchen- 
reichtum aus. Die Furchen gehen tief in das Innere hinein. Nach Kückenthal 
ist diese Erscheinung aber nicht auf eine besondere Intelligenz der Tiere zurück- 
zuführen, sondern die erste Ursache der Hirnfurchung ist in dem Bedürfnis zu 
suchen, den Stoffwechsel der Ganglienzellen zu erleichtern, Außerdem fällt beim 
Gehirn der Wale noch der Schwund der Geruchsnerven auf, dagegen scheint 
die Gehörfunktion bei diesen Säugern gut ausgebildet zu sein, . 
Durch die Erkenntnis, daß die Zahnwale die stammesgeschichtlich älteren 
Formen der Wale sind, bringt die Wissenschaft der Morphologie und Biologie 
dieser Walgruppe erhöhtes Interesse entgegen. 
Die meisten Zahnwale sind schnelle Schwimmer, die sich ganz der 
pelagischen Lebensweise und der Fischnahrung angepaßt haben. Die spitze 
Schnauze dieser Wale ist schnabelähnlich, kegeförmig verlängert und zu einem 
vortrefflichen Wasserbrecher umgebildet, Der Kopf erscheint bei ihnen nicht 
vom Rumpfe abgesetzt, da die kurzen, scheibenförmigen Wirbel des Halses 
yrößtenteils verwachsen sind. Die beiden Nasenkanäle sind verengt und öffnen 
sich oben auf dem Kopfe, hinter der Basis des Schnabels, Die knorpeligen 
Nasenwurzeln sind rückgebildet, dafür haben sich aber eigentümliche Spritzsäcke 
entwickelt. Diese geräumigen Nebenhöhlen der Nase fehlen den Bartenwalen ganz. 
Überhaupt lassen sich bei den letzteren manche Merkmale nachweisen, 
deren Entstehung auf eine weitergehende Anpassung an das Wasserleben, wodurch 
ererbte Anlagen verschwanden, gedeutet werden muß. Ein in der Bezahnung sowie 
auch in anderen KEigentümlichkeiten der Organisation am meisten primitives 
Verhalten zeigen unter den Zahnwalen die Delphine (Delphinidae), deren 
beide Kiefer in ihrer ganzen Länge oder in einem Teile derselben mit fast gleich- 
artig gebildeten, mehr oder weniger kegelförmigen Zähnen besetzt sind. Die 
Vorfahren der Zahnwale scheinen, den Forschungen Kückenthals zufolge, haut- 
panzertragende Landtiere gewesen zu sein. Hornige Tuberkel, die als Über- 
reste eines Hautpanzers gedeutet werden konnten, waren schon seit längerer Zeit 
von der Rückenflosse einiger Phocaenaarten bekannt, Kückenthal fand bei 
einem in indischen Flüssen lebenden Wal, Neophocaena phocaenoides, eine 
große Anzahl regelmäßig aneinanderliegender Platten, deren jede einen Tuberkel 
trug. Diese fanden sich am Rücken, an den Flossen und um das Spritzloch herum. 
Nach dem erwähnten Forscher haben sich die Zahnwale zu einer Zeit von land- 
bewohnenden Vorfahren abgezweigt, als diese noch einen Hautpanzer trugen, wie 
ihn z. B. ein Teil der Zahnarmen (Edentaten}) vielleicht als altes Erbstück noch 
jetzt besitzt. 
Auch andere Flußdelphine, die in der Familie der Platanistidae ver- 
einigt werden, zeigen in mancherlei Hinsicht ein primitives, an die Vorfahren der 
Wale erinnerndes Verhalten. Während die anderen Delphine Meeresbewohner 
sind, führen die Flußdelphine ein Süßwasserleben. Bei den Meeresdelphinen sind 
die Halswirbel miteinander verwachsen, um dem Körper beim Durchschießen des 
Wassers größtmöglichste Festigkeit zu verleihen, bei den Flußdelphinen ist diese 
hochgradige Anpassung an den Wasseraufenthalt noch nicht erreicht worden, 
denn bei ihnen bleiben die Halswirbel alle getrennt voneinander. Auch läßt sich 
bei ihnen noch deutlich die Grenze des Kopfes erkennen, indem sich dieser vom 
Rumpfe durch eine Einsenkung abtrennt. In der Gegenwart leben nur wenige 
Vertreter dieses in der Vorwelt artenreichen Tiergeschlechts. Fossil sind mehrere 
Gattungen und Arten aus Amerika sowie auch aus Europa bekannt. Im Orinoko 
und Amazonas lebt die Inia (Inia geoffroyensis, Blainv.), deren schmale 
und lange Schnauze in jeder Kinnlade 66 bis 68 spitze Zähne trägt. Auffallender-
	        
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