Sokolowsky, A.: Aus der Naturgeschichte der Wale.
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angelegt, wie bei den mit vier Extremitäten ausgestatteten Landsäugetieren, Die
horizontal gestellte Schwanzflosse der Wale ist als eine Neuerwerbung aufzu-
fassen, denn der Schwanz der Walembryonen ist gleich dem anderer Säuger-
embryonen ein einfaches zylindrisches Gebilde. Vom Becken sind bei den Walen
nur einige kleine, tief im Fleische stehende Knochen als Überreste erhalten
yeblieben. Die Vordergliedmaßen werden ausschließlich als Ruder verwendet,
Ober- und Unterarmknochen sind bedeutend verkürzt, die letzteren noch dazu
stark verbreitert. Alle sind fest miteinander verbunden und von einer gemein-
zamen Haut fest umhüllt. Um beim Schwimmen jede Reibung möglichst zu ver-
hindern, ist die Walhaut spiegelglatt. Ohrmuscheln sind diesen Tieren im Laufe
der Entwicklung gänzlich verloren gegangen,
Zur Parierung des ungeheuren Drucks der Wassermasse, die auf dem Körper
des Wales ruht, hat sich bei ihm nicht nur eine dicke Specklage entwickelt,
sondern es bleiben die meisten Knochen an den Verbindungsstellen knorpelig.
Um dem ungeheuren Wasserdruck Widerstand zu bieten, sind die Augen be-
sonders fest gebaut. Die weiße Augenhaut ist ungemein hart und fest. Die
Augen liegen in der Nähe des Mundwinkels. Der kräftige Wasserdruck schließt
die Ränder der Nasenöffnungen auf mechanische Weise. Je nach der Ernährungsart
der Wale haben sich die von den Vorfahren ererbten Zahnanlagen erhalten oder
es haben sich unter Verlust der Bezahnung für den Massenfang kleiner Tiere
eingerichtete Barten entwickelt, Die Nahrungstiere werden von den Bartenwalen
durch Schwimmen mit geöffnetem Maule erbeutet und vermittels der riesigen,
festgewachsenen Zunge nach geschlossenem Maul in die Rachenhöhle gedrückt
und verschluckt.
Die Wale bringen in langen Zwischenräumen jeweilen meist nur ein Junges
zur Welt. Die beiden Milchdrüsen, die als einzig übrig gebliebene Hautdrüsen
der Wale aufzufassen sind, liegen zu beiden Seiten der Geschlechtsöffnung, ge-
wöhnlich in einer langen, spaltförmigen Zitzentasche verborgen.
Nach G. Racovitza, dem Zoologen der belgischen Südpolar-
Expedition, bläst der Wal nach längerem Tauchen zunächst einen langen Atem-
strom aus, wonach er dann mehrmals hintereinander kurz einatmet und flach
untertaucht, bis er nach einem langen Atemzuge wieder für längere Zeit in
größerer Tiefe verschwindet. Früher nahm man entschieden an, daß der Atem-
strahl der Wale als ein Wasserstrahl aufzufassen sei, Wir wissen jetzt durch
die direkten Beobachtungen von Racovitza, daß dieser Strahl nur aus Luft
besteht. Das Zustandekommen dieser Erscheinung erklärt der Forscher, wie
Heck mitteilt, folgendermaßen: »Jedes plötzlich von einem Druck befreite Gas
erleidet zugleich eine augenblickliche Abkühlung als Wirkung der Entspannung.
Dieser Druck und diese Abkühlung sind bei den kleinen Delphinen zu gering, um
selbst in kalter Luft den Atemstrahl in Erscheinung zu bringen, und bei.den
großen Walen sind sie so groß, daß das Blasen sogar auf den tropischen Meeren
weithin sichtbar wird.« Eine hochgradige Anpassung an den Wasseraufenthalt
zeigt auch die Vorrichtung für das Säugegeschäft der Jungen unter Wasser,
Die Milchdrüsen liegen bei Zahn- und Bartenwalen als zwei flache Hügel zu
beiden Seiten des weiblichen Geschlechtsorganes. Das unter Wasser die Zitzen
erfassende Junge erhält durch willkürlichen Muskeldruck die Milch ins Maul
gespritzt. Die Ränder der Tasche, in der die Zitze liegt, sowie die rohrartige
Lippenbildung des Jungen verhindern, daß die Muttermilch mit dem Wasser in
Berührung kommt. Die Tragzeit der Wale ist eine lange. Sie beträgt nach
Kückenthal durchschnittlich ein Jahr. Die Größe der Jungen ist bedeutend, sie
erreicht fast die halbe Größe der Mutter,
Da die zu Flossen umgewandelten Vordergliedmassen’' wichtige Bewegungs-
organe der Wale sind, haben sie sich bei den einzelnen Arten mehr oder minder
stark verbreitert und verlängert. Um die Länge zu erreichen, ist die Walhand
vielgliedrig geworden, indem jedes ursprüngliche Fingerglied in drei gleich-
artige Teile zerfiel, welche Teilung auf doppelter Epiphysenbildung und auf ver-
langsamter Verknöcherung beruht. Während das Handskelett sich verlängert,
verkürzen sich unter dem Einfluß der Umbildung der Vordergliedmaße zu einem