Sokolowsky, A.: Aus der Naturgeschichte der Wale,
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Aus der Naturgeschichte der Wale.
Von Dr. Alexander Sokolowsky,
Direktorial-Assistent am Zoologischen Garten in Hamburg.
Die Naturgeschichte der Wale ist heutzutage noch keineswegs er-
schöpfend erforscht worden, obwohl gerade in den letzten Jahren eingehende
Untersuchungen hierüber angestellt wurden. Viele Fragen harren aus der Mor-
phologie und Biologie dieser: Tiergruppe noch der Lösung. Wir wissen nach
Kückenthal, dem die Wissenschaft über die Naturgeschichte der Wale sehr viel
verdankt, u. a. nicht, wie alt diese Tiere werden können; ferner ist über ihre
Begattung bis heute noch nichts Zuverlässiges bekannt, auch ist es noch nicht
entschieden, ob die Wale gelegentlich schlafen,
Die Wale oder Cetaceen sind durchaus aquatile Tiere mit zylin-
drischem Körper. In ihrer gesamten Organisation haben sie sich dem ständigen
Wasseraufenthalt angepaßt. Sie werden in zwei große Gruppen, die Zahnwale
(Odontoceti) und die Bartenwale (Mystacoceti) eingeteilt. Aus entwicklungs-
geschichtlichen und anatomischen Tatsachen geht unzweifelhaft hervor, daß die
Zahnwale die erdgeschichtlich älteren Formen unter den lebenden Walen sein
müssen, während die Bartenwale sich erst später auf dem Wege hochgradiger
Anpassung an den Wasseraufenthalt entwickelt haben. Von welchen Vorfahren
diese Entwicklung erfolgte, ist allerdings heute noch unbekannt.
Zahnwale und Bartenwale sind nach Kückenthals Überzeugung so
wenig stammverwandt, daß beide Walgruppen beanspruchen können, als voll-
ständige Säugetierordnungen anerkannt zu werden, In früher Tertiärzeit lebte
eine Gruppe von Walen, die als Urwale (Fig. 1)
bezeichnet werden. Die Schädel, namentlich das
Gebiß dieser Geschöpfe, zeigt eine überraschende
Ähnlichkeit mit den ältesten Landraubtieren
oder Creodontiern, und ist es anzunehmen, daß
sie sich im Laufe der Zeiten aus diesen ent-
wickelt haben. Dagegen ist es nach Kückenthal
»nicht gelungen, einen einwandfreien Beweis für
die Abstammung der Zahnwale oder der Barten-
wale von den Urwalen zu liefern, Die bisherigen
palaeontologischen Tatsachen können daher nicht
widerlegen, daß wir in den drei Arten der Wale,
den Urwalen, Zahnwalen und Bartenwalen,
drei unabhängig voneinander entstandene Stämme vor uns haben, die sehr wohl
von landbewohnenden Raubtieren abstammen können, aber zu verschiedenen Zeiten
aus diesen entstanden sind und deren Ähnlichkeiten im Bau im wesentlichen auf
Anpassung an die gleiche schwimmende Lebensweise im Wasser
beruhen«,
Daß auch die Bartenwale von zahntragenden Vorfahren
abstammen, beweisen deren Embryonen, bei denen in der ersten
Zeit ihres embryonalen Lebens bis 51 Zähnchen in jeder Kiefer-
hälfte auftreten, welche lange vor der Geburt des Tieres wieder
verschwinden. Die ursprüngliche Landtiernatur der Wale offen-
bart sich noch u. a. durch die Überbleibsel eines früheren Haar-
kleides. Von verschiedenen Forschern, wie Sars, Martens, Kopf eines Wal-
Eschricht und anderen wurde nachgewiesen, daß sich bei 1. embryos
ki . . (Lagenorhynchus
einigen Arten selbst im erwachsenen Zustande vereinzelt Haare „cytus) mit 7 Borsten
vorfinden, obwohl sich die Wale sonst durch den Mangel an auf der Oberlippe.
Haaren auszeichnen. Die Vorfahren der heutigen Wale müssen (Nach Kückenthal.
unzweifelhaft ein Haarkleid besessen haben, denn es kommen auch, wie Kücken-
thal nachwies, bei solchen Walen Haare vor, bei denen sie im erwachsenen Zu-
stande fehlen. Diese fötalen Haare befinden sich fast ausschließlich an der Ober-
lippe. Sie haben bei den verschiedenen Arten eine ziemlich konstante Anordnung
Fig. 1