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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

Retzow, U.: Die interdiurne Veränderlichkeit der Lufttemperatur in Europa. 441 
daß aber mit wachsender geographischer Breite und zunehmender Amplitude 
des jährlichen Ganges der Temperatur auch die Veränderlichkeit zunimmt, 
Tafel 18 stellt die: Verteilung der Veränderlichkeit über Europa dar. 
Durch Interpolation ist aus dieser Darstellung für die Schnittpunkte der 
Breitengrade von 5 zu 5° mit den äquidistanten Längengraden von 5° die Größe 
der Veränderlichkeit berechnet worden. Diese Werte sind in Tabelle VII 
gegeben. ; . 
Tabelle VII. 
N-Br. 
650 
60° 
559 
50° 
45° 
40° 
W-Lg. 
10° | 50 
1.5 
1.0 
x 
- 
A 
45 
0° o 0° 15° 20° © | 30° | 359 | 40° | 
BE ym 
| 
15 
2.0 
1.7 
ao 
1.6 1.9 23 
i6 1.9 2.2 
15 1.6 1.6 
2.4 2,5 23 
2,5 22 1.8 
14 
»0 
‘5 
22 
2.3 
18 
| 
&.1 3.3 
2.6 2,8 
2.4 2,7 
2.1 P# 
1.9 
3.4 
3.1 
3.0 
3.5 
3.4 
Bei dem Nachweis, daß die Veränderlichkeit mit wachsender geographischer 
Breite zunimmt, wird man in Europa auf die Gliederung des Erdteils und auf 
den Einfluß der tiefeingreifenden Nebenmeere Rücksicht nehmen müssen. Die 
greifbarsten Resultate wird daher eine Betrachtung der östlichen Gebiete liefern, 
Die Tabelle zeigt nun, daß von 25 bis 40° O-Lg. eine ziemlich regelmäßige 
Steigerung vom Süden zum Norden vorhanden ist; beim 20. Grad O-Lg. bleibt diese 
zwar auch noch bestehen, wird aber in der Nähe des 50. Breitengrades durch andere 
Faktoren stark beeinflußt. Diese Zunahme von S nach N hat von 20 bis 30° O-Lg. 
zwischen dem 45. und 65, Grad N-Br. in jedem Falle ungefähr denselben Wert von 
1.2°, so daß man daraus schließen kann, daß bei regulärer Landoberfläche ohne 
Einfluß des Meeres oder der Höhenlage die Veränderlichkeit in mittleren Breiten 
für je 5 Breitengrade um ungefähr 0.3° zunimmt. 
Weit schwieriger nun ist der Nachweis, daß die interdiurne Veränderlich- 
keit mit der Entfernung vom Meere wächst oder, was bei der geographischen 
Gestalt von Europa dasselbe ist, von West nach Ost zunimmt. In der Tabelle VII 
lassen sich diese Verhältnisse nur zum Teil überblicken, da die weit eingreifenden 
Meeresteile ihren Einfluß stark geltend machen. Ein gutes Beispiel für die Zu- 
nahme von W nach O gibt uns der 65. Breitengrad. Hier sieht man, wie vom 
5. bis zum 40. Grad O-Lg. die Werte der Veränderlichkeit immer größere Beträge 
annehmen. Dasselbe finden wir '’auch noch auf dem 60. und 55. Breitengrad. 
Bei ersterem beginnt diese Steigerung ungefähr in der Nähe des 5, Grades W-Lg., auf 
dem letzteren dagegen nimmt der zunehmende Verlauf erst vom 5.Grad O-Lg. seinen 
Anfang. Die Verhältnisse auf den anderen Breitengraden lassen sich in der 
Tabelle nur schwer übersehen. Dazu wird uns die spätere kartographische Dar- 
stellung ein gutes Hilfsmittel geben. Ganz allgemein aber läßt sich hier schon 
sagen, daß in Europa die interdiurne Veränderlichkeit von Westen nach Osten 
zunimmt, ohne Rücksicht auf den Einfluß anderer Faktoren. 
Diese Tatsachen lassen sich auf einfache Weise erklären. In der Nähe 
des Meeres ist bekanntlich die absolute Feuchtigkeit größer wie im Binnenlande. 
Ein größerer Feuchtigkeitsgehalt der Luft wird aber auf die Strahlungs- 
erscheinungen der Atmosphäre von Einfluß sein und auf Schwankungen der 
Lufttemperatur abschwächend wirken. 
In diesem Zusammenhange kann auch zugleich der Einfluß der Wald- 
bedeckung auf die Größe der Veränderlichkeit betrachtet werden. Nach 
J. v. Hann!) ist die Temperatur des Waldes um 0.1 bis 0.3° niedriger als in 
waldlosem Gebiet. Der Wald verhindert die Entstehung sehr hoher Lufttempe- 
raturen durch Beschattung des Bodens, da infolge der Belaubung die wärme- 
ausstrahlende Oberfläche bedeutend vergrößert ist. Durch die starke Verdunstung, 
die über einer großen Fläche vor sich geht, kühlt sich die Luft ab und gibt 
1) J. v. Hann, Lehrbuch der Klimatologie, 
Ann. d. Hydr. usw. 1915, Heft X,
	        
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