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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

Über die natürliche Grenze der Niederländischen Küste usw. 
Zu dieser ziemlich plötzlichen Dünenbildung haben noch andere Umstände 
beigetragen, worüber die mineralogische Zusammensetzung des Dünensandes Auf- 
klärung verschaffen kann. Die Zusammensetzung ist derart, daß man auch auf 
Grund sonstiger Anhaltspunkte die Herkunft des Sandes hauptsächlich in 
den archäischen und paläozoischen Gesteinen der Armorikanischen Felsen des 
Englischen Kanals, die durch Seeerosion fortwährend zerstört wurden und deren 
Überbleibsel als die Inseln der Bretagne und Normandie, die Kanalinsel, Cornwall 
und West-Devonshire vorhanden sind, zu suchen hat, 
Die Gezeitenströmungen an der niederländischen Küste sind überwiegend 
von Südwest nach Nordost gerichtet und in der Meerenge von Calais und in 
einem großen Teil des Englischen Kanals so stark, daß Ablagerung von Sand 
daselbst nicht möglich ist und eine große Sandmasse aus dem Kanal nach der 
Nordsee auf die niederländische Küste gebracht wird, weil die starken Strö- 
mungen aus der Meerenge von Calais, wo die Amplitude der Seespiegel- 
schwankungen 7 bis 8 m erreicht infolge der trichterförmigen Erweiterung in 
der Nordsee an der genannten Küste, wo die Amplitude bis auf 2 m fällt, viel 
von ihrer Kraft verlieren und deshalb daselbst viel Sand ablagern. 
An der alten niederländischen Seebucht wird nun derselbe Vorgang statt- 
gefunden haben, wie an den Atlantischen und Golfküsten der Vereinigten Staaten 
von Nordamerika beobachtet wird. Daselbst findet man eine Anzahl von Baien, 
durch Sandwälle von der See abgeschlossen und mit langen konkaven Küsten- 
linien unter Bildung von Lagunen oder Haffen. Während die konkave Küsten- 
linie von Texel bis Calais 300 km lang ist, erreicht die an der Küste von Texas 
eine Länge von 500 km, deren Entstehung dem sehr kräftigen Golfstrom zuzu- 
schreiben ist. Die amerikanischen Geologen beschreiben, wie die langen Küsten- 
wälle mit der Bildung einer Sandaufhäufung hinter den natürlichen Dämmen der 
Bai beginnen und zum Vergleich das Legen eines Dammes quer durch eine 
Niederung heranziehen. Das Material wird zuerst dann von den festen End- 
punkten aus geschüttet und die Schüttung so lange fortgesetzt, bis beide Teile 
zusammenstoßen, Die Ablagerung von Sand bei der Bildung eines Küstenwalles 
erfolgt infolge der Verringerung der Geschwindigkeit durch den Eintritt der 
Strömung in offenes Wasser auf gleiche Weise, 
Die Nehrungen und Haffe an der Ostsee, von denen das größte Haff 
nur ein Drittel der niederländisch-flämischen konkaven Küstenlinie hat, sind solche 
Bildungen in kleinem Maßstabe und verdanken ihre Entstehung den Wind- 
strömungen. Die gegenwärtige niederländische Küste hat sich zweifellos aus dem 
Sand gebildet, der sich durch die ‘hin- und hergehenden Gezeitenströmungen 
mit vorherrschender Bewegung aus dem Südwesten hinter den festen Punkten 
Calais und Texel zu einem Küstenwall oder einer Nehrung abgelagert hat, auf 
der dann eine Dünenkette entstanden ist. In dem Maße. aber, wie der Boden 
wegsackte und dadurch das Wasser tiefer wurde, mußte die Stromgeschwindigkeit 
und damit die Sandbewegung aus dem Englischen Kanal zunehmen und was noch 
mehr angebracht wurde, wurde durch die Kraft der Wellen auf den Strand geworfen 
und durch den Wind zu Dünen aufgehäuft. Trotz der Senkung des Bodens hat 
sich die Seetiefe nicht allmählich vergrößert, doch sicher auch nicht wesentlich 
verringert, und die Dünen sind in stets neuen. mehr und mehr seewärts gelegenen 
Reihen oder Ketten aufgebaut. 
Den Anstoß zur ersten, geologisch gesprochen plötzlichen Bildung eines 
Küstenwalles und der ersten Dünenkette hat der Durchbruch der Landenge 
zwischen Frankreich und England gegeben. Vor dem Durchbruch müssen die 
Gezeiten in den Baien an beiden Seiten große Amplituden erreicht haben, die 
mit denen in der Fundy-Bai an der Küste von Neu-Schottland von 18 m Höhe 
und 4 m/sek Stromgeschwindigkeit zu vergleichen sind, wodurch in dem Fels- 
boden eine Rinne bis 100 m Tiefe entstanden ist. Die hohen Gezeiten in den 
alten Baien der Nordsee und des Kanals müssen starke Seeerosion, bedeutende 
Sandaufhäufungen in dem Kanal und endlich Durchbruch der Kreidefelsen der 
Landenge bewirkt haben. Ein Beweis dafür ist das Vorhandensein von massen- 
haften, durch die Gewalt der Wellen abgerundeten Feuersteinkieseln bis zu 30 m
	        
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