Wagner, H.: Gerhard Mercator und die ersten Loxodromen auf Karten. ; 351
der Karte von 1569, »die Breitengrade nach den Polen hin allmählich in dem-
selben Maße vergrößert, wie die Breitenparallelen im Verhältnis zum Aquator«
(sc. auf der quadratischen Plattkarte) »vergrößert werden.« Das Prinzip für den
geometrischen Entwurf der. Mercatorkarte lag bei solchem Verfahren ja nun
gleichzeitig zutage. Der Längenabstand der zur 4, Rumblinie von 45° gehörigen
Punkte AI, BI, CI, DW, .... vom Nullmeridian ist gleich dem Abstand der
durch diese Punkte gezogenen. Breitenparallelen vom Aquator. Natürlich gilt
Ähnliches für alle Zwischenpunkte, ;
Ob eine ähnliche Vermutung über die Entstehungsweise der Mercator-
projektion vielleicht schon einmal von anderer Seite ausgesprochen ist, ist mir
nicht bekannt. Sie scheint mir die gleiche Berechtigung wie die Nordenskiöldsche
u. a. zu haben.
19. Vermeintliche Vorläufer Mercators. Es steht bis heute nicht fest, ob es
vor 1569 bereits Kartenentwürfe mit vergrößerten Breiten gegeben hat. Keines-
falls darf auf die »Suma de geographia« (que tratado de todas las partichas
y provinecias del mundo) von Martin Fernandez de Enciso vom Jahre 1519
bzw. 1530 verwiesen und er also als ein Vorahner der Mercatorprojektion hin-
gestellt werden, Und doch ist dies von seiten Max Eckerts®) erst neuerdings
geschehen. Hier liegt jedoch ein offenbares Mißverständnis des letzteren vor,
das J. Müller-Reinhard in der neuen Mercatorbiographie (a. a. O. S. 129) leider
olfne Nachprüfung übernommen hat’). Es verlohnt sich, die Sache richtigzu-
stellen. Eckert hatte gemeint, Encisos Schriftchen enthalte den Satz, »daß die
Entfernungen der Breitenparallele auf einer guten Karte nicht allenthalben
gleich seien, sondern mit zunehmender Breite selbst zunehmen sollen«, Bei diesem
mit Anführungszeichen, also scheinbar wörtlich wiedergegebenen Zitat verweist
Eckert auf E. Gelcichs obengenannte »Vermischte Studien zur Geschichte der
mathematischen Geographie«37).' Wie Eckert zu jenem Anspruch kommt, ist schwer
zu verstehen. Geleich spricht bei seiner Erläuterung der Suma de geographia
von Enciso (a. a. O. S. 305) mit keinem Wort von solchem, schon von Enciso
vorgeahnten Kartenentwurf mit vergrößerten Breiten. Vielmehr legt Geleich klar
dar, daß Enciso den Fehler‘ der Plattkarte insofern richtig erkannt habe, als
sie die Breitenkreise durchweg so groß wie den Äquator zeichnen, statt ihrer
Abnahme nach den Polen Rechnung. zu tragen. Auf Fol. XXIV von Eneisos
Schrift hinweisend, sagt Gelcich: Ȇber Erwarten finden wir hier die Unrich-
tigkeit der Karten« — gemeint sind natürlich die damaligen Seekarten — »aus-
gesprochen. Der Grundgedanke, die Parallelkreise mit der wachsenden
Breite abnehmen zu lassen, um .eine konforme Abbildung der Erde zu
erhalten, ist explieit und ohne jede Verwirrung ausgesprochen«. . Das ist gewiß
etwas gänzlich anderes, als Eckert aus dieser Stelle — und eine andere wüßte
ich nicht aufzufinden — herausgelesen, Im Anfang des 16. Jahrhunderts spielt
ja die Tafel der polwärts abnehmenden Längengrade, die Tabula de rationibus
seu proportionibus omnium parallellorum ad Aequinoctialem, wie sie Peter
Apianus nannte, noch eine wichtige Rolle. Schon in dessen Cosmographicus
liber, 1524, findet sich eine solche Tafel der Werte der Parallelgrade in Äquator-
minuten, nicht erst, wie Gelcich (a. a. O0. S. 307) annahm, bei Cortez, Breve
Compendio de la Sphera (Sevilla 1551).
20. Das Ergebnis unserer Untersuchung ist also kurz:
a) Gerhard Mercator scheint der erste gewesen zu sein, der Karten,
d. h. seine Globusstreifen bzw. seinen Globus von 1541, mit Loxodromen ver-
sehen hat.
b) Wenn Pedro Nunes hierauf einen mittelbaren Einfluß ausgeübt hat,
so können dabei nur seine ältesten Schriften zur Nautik, die »Duos Tratados da
carta de marear« von 1537, in Frage kommen.
85) Die Kartenprojektion- Geographische Zeitschrift Leipzig X:VI 1910, S. 303.
3) Auch mit dem Druckfehler »Summa de geographico« statt »Suma de geographia«.
37) Kettlers Zeitschrift f. wiss. Geographie V. Wien 1885. S. 305.