550 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1915.
besser zu der die Loxodromen in gerade Linien streckenden Entwurfsart gekommen
sei. Nordenskiöld (1880) °°), Breusing (1892) %), S. Günther (1908)%) und jüngst
wieder Müller-Reinhard (1914) 3%) haben mehr oder weniger plausible Vorschläge
gemacht, auf die ich, weil sie an leicht zugänglichen Stellen, namentlich klar von
dem zuletzt Genannten in der neuen Mercator-Biographie, dargelegt sind, nicht
näher eingehe.
Darüber sind die meisten einig, daß sich Mercator eines geometrischen
Verfahrens bedient hat, um die wachsenden Breiten in richtiger Weise zu
konstruieren und daß ihm eine Tafel der Meridionalteile noch nicht vorlag,
sondern diese letzten nur aus den wachsenden Abständen der Parallelkreise von
der Karte selbst durch Messung entnommen werden könnten. J. Müller-Rein-
hard findet dabei eine große Übereinstimmung seiner Messungsergebnisse mit
der Nordenskiöldschen Hypothese, daß nämlich Mercator sich die jeweiligen
Sekanten für die Mittelbreiten zwischen je zwei zehngradigen Parallelen im rich-
tigen Maßstabe gezeichnet habe. Das bedarf freilich noch näherer Untersuchung.
Ohne den Vermutungen der genannten Autoren die Berechtigung absprechen
zu wollen, kam mir schon seit länger ein anderer Gedanke, den ich indessen
öffentlich nicht aussprechen mochte, solange mir keine festeren Beweisgründe
zur Verfügung standen.
Seit mir nun aber die bisher leider von mir übersehene Tatsache bekannt
geworden, daß Mercator schon lange vor Entwurf seiner Weltkartenprojektion
richtige gekrümmte Loxodromen auf ebenen Karten — nämlich jenen Globus-
streifen — gezeichnet hat, drängte sich die Vermutung von neuem auf, er könne
durch Auftragung geradliniger Strahlen der Kompaßscheibe und gekrümmter
Loxodromen auf ein und dieselbe quadratische Plattkarte wohl zur Idee
des Entwurfs der Seekarte mit vergrößerten Breiten gekommen sein. Zeichnet
man, wie auf Tafel 17 geschehen, das Gradnetz einer quadratischen Plattkarte und
einer Mercatorprojektion von gleichem Maßstab im Äquator übereinander und
zieht man von einem Punkte des Äquators die geradlinigen Rumblinien einer
Strichrose darüber hinweg, so sind diese letzteren gleichzeitig die zur Mercator-
projektion gehörigen (gestreckten) Loxodromen, Alsdann kann man bekanntlich
die zur quadratischen Plattkarte gehörigen gekrümmten Loxodromen leicht finden,
indem man die Schnittpunkte der geraden Strahlen mit den Breitenparallelen der
Mercatorprojektion auf diejenigen der quadratischen Plattkarte von gleicher
Ordnungsziffer projiziert*#); also jeweils AL, AM AM ,..., BI BZW BIE ...,
CL CH CI y, 8. w. auf Ay Ay Ay... Bi, Ba Bay .... Man erhält dadurch
die Koordinaten für die krummlinigen Loxodromen der Plattkarte.
Ließe sich also nicht vielleicht annehmen, daß Mercator, nachdem er zuerst
auf eine quadratische Plattkarte nach den ihm aus früheren Versuchen am Globus
(oder an Globusstreifen) bekannten Koordinaten gekrümmte Loxodromen auf-
getragen und dann vom Zentrum der letzteren im Äquator aus die zu jeder
Loxodrome gehörigen Tangenten als geradlinige Strahlen der Strichrose hinzu-
gefügt hat, nun umgekehrt wie im ersten Falle alle Durchnittspunkte der
Loxodromen mit den wahren Breiten oder A,, Ay Ay ...4 Bi, By Bay....
u. s. w. senkrecht im Meridian bis zu den geraden Strahlen gleichsam hinauf-
geschoben haben könnte, also bis AL AN AIT ,,,. BI BH, BIT, ,.? Der Augen-
schein ergab alsdann, daß die jeweiligen Verbindungslinien der neuen Schnitt-
punkte, also der Punkte mit dem oberen Index, nichts anderes als Breitenparallelen
darstellten, die gesetzmäßig polwärts immer weiter voneinander abstanden. Das
Gradnetz mit den vergrößerten Breiten war damit geometrisch auf einfachste
Weise konstruiert. Das Maß dieser wachsenden Breitenabstände hat Mercator in
die richtige Form zu bringen gewußt. »Wir haben«, heißt es nach der Legende
3) Facsimile-Atlas 1899, p. 96.
31) Das Verebnen der Kugeloberfläche, Leipzig 1892, 8. 34ff.
82) Festschrift des nat. Vereins Krefeld. S. 228ff. (vgl. s. 0. Anm. 4).
ss) erh. Mercator und die Geographen unter seinen Nachkommen, Gotha 1914. S. 132 ff.
%) Die Buchstaben mit Indices in römischen Ziffern oben entsprechen der Mercatorprojektion,
die mit Indices in arabischen Ziffern unten der quadratischen Platikarte.