Wagner, H.: Gerhard Mercator und die ersten Loxodromen auf Karten. 347
für die Beurteilung des Vorgehens beim Entwurf der Loxodromen so wichtigen
Kennzeichen völlig verschwinden bei einer Abbildung unserer Originalfigur,
welche sich in der Revista de Engennharia militar 1914, p. 28 findet. Dort
ist die Figur sichtlich von einem Zeichner, welcher. den Sinn derselben nicht ver-
standen hat, neu (in verkleinertem Maßstabe) konstruiert. Auf dieser Abbildung
gehen die entgegengesetzten 67!/„°-Loxodromen beim Durchgang durch den
90. Meridian unmittelbar ineinander über. Die zusammengehörigen Äste dieser
Loxodromen bilden dort Winkel von etwa nur 135°, statt etwa 150° in der
Originalfigur. Vergleicht man. mit diesem in Wahrheit noch durchaus fehler-
haften ersten Versuch eines Loxodromen-Entwurfs durch Nunes im Jahre 1537
die Loxodromen Mercators auf seinen Globusstreifen von 1541, bei denen die
Fehler der Zeichnung bis 60° Br. selten !/,° überschritten (s. oben $ 9), so wird man
die frühzeitige Leistung des deutschen Meisters in hohem Grade anerkennen
müssen.
Die Begleitworte, durch welche Nunes seine Figur einführt, sind übrigens
auch nach anderer Richtung für die ältere Auffassung des portugiesischen Mathe-
mathikers interessant. Ich verdanke ihre Verdeutschung aus dem etwas schwierigen
Altportugiesischen der Freundlichkeit des Herrn Joaquim Bensaude:
_ »Wenn man die Fahrtrichtung zwischen zwei Punkten und ebenso die
Entfernung zwischen denselben kennt, warum bestimmt Ptolemaeus, man solle
den dritten Teil der dem Wege entsprechenden Stadien abziehen? (Doch nur)
um die Ungleichheiten und die Unregelmäßigkeiten abzurechnen, und damit die
Schätzung des Weges der geraden Linie (nämlich dem größten Kreise) entspreche,
Ich kann hierfür keinen besseren Grund angeben als den, welchen ich in meinem
vorhergehenden Traktat schon berührte, nämlich daß Ptolemaeus eingesehen hat,
daß der Weg, den man in einer Fahrt zurücklegt, nicht einem größten Kreise
entspricht, der gerade und ununterbrochen ist, weil wir bei der Fahrt immer
den gleichen Winkel mit dem neuen Meridian machen, den wir bei der Abfahrt
eingeschlagen haben (was unmöglich wäre, wenn wir mit dem größten Kreise
führen), und nach einer unregelmäßigen und krummen Linie fahren.«
»Wie aus der nebenstehenden Figur, die den Globus des Meeres und der
Erde anzeigt, hervorgeht, treffen schließlich alle Rumben (meas partidas
e quartas) in dem Punkte unter dem Pol zusammen; aus diesem Grunde
zieht Ptolemaeus meines Erachtens den dritten Teil des zurückgelegten Weges
ab, damit das, was übrig bleibt, dasjenige darstelle, was dem geraden und kürzesten
Wege, nämlich dem größten Kreise, entspricht, Und da er die größten Kreise
als gerade Linien zeichnet, so macht er eine gerade Linie aus dem zurückgelegten
Weg, wenn er den dritten Teil abzieht,«
Soweit Nunes. Bekanntlich beruhen die Erfahrungen eines Ptolemaeus hin-
sichtlich der Seewege auf den Fahrten im Becken des Mittelmeeres. In diesen
kleinen Räumen sind die Unterschiede zwischen den Weglängen beim Segeln im
größten Kreise und dem in einer Loxodrome sehr unbedeutend und weichen
gewaltig von einem vollen Drittel der durchfahrenen Strecke ab, Ohne Zweifel
hatte Ptolemaeus bei seiner Vorschrift nur. die unvermeidlichen Abweichungen
im Auge, die jeder Segelkurs infolge der wechselnden Wind- und Strömungs-
verhältnisse gegenüber einem festen Kurse in einer Richtung erleidet und durch
welche er oft beträchtlich — nach Ptolemaeus bis zu einem Dritteil — verlängert
wird, Diese im Jahre 1537 gegebene Begründung des Unterschiedes zwischen
Orthodrome und Loxodrome mit Berufung auf Ptolemaeus findet sich, so viel
ich ersehe, in den späteren lateinischen Versionen der Schrift »De arte navigandi«
nicht mehr.
16. Gemma Frisius. Vielleicht hat diese Schrift des Nunes vom Jahre 1537
und besonders die Figur bei andern zeitgenössischen Schriftstellern noch für
länger die falschen Vorstellungen über die Natur der Loxodromen hervor-
gerufen. Robert Hües der sicher ‚nur die lateinischen Fassungen jener
Schriften kannte, hebt 1594 lobend hervor, daß Nunes bereits erkannt habe, die
Rumblinien könnten den Pol nicht erreichen, während Gemma Frisius diesen