Wagner, H.: Gerhard Mercator und die ersten Loxodromen auf Karten, . 309
12. Nunes’ grundlegende Traktate in lateinischer Sprache. Selbst durch die
neueren Forschungen von Rod, Guimaräes sind die Beziehungen, in welchen die
verschiedenen lateinischen Ausgaben der grundlegenden Schrift: »De arte atque
ratione navigandi« stehen, nicht vollständig aufgeklärt. Das von Gelcich und
Fiorini angenommene Erscheinungsjahr der ersten Ausgabe, nämlich 1543, ist
unbedingt falsch. Schon oben ward davon gesprochen ($ 1), daß sowohl
Navarrete (1846), als Garcäo-Stockler (1819) nur von einer in Coimbra 1546
erschienenen Ausgabe sprechen. Ich habe die Schriften beider Autoren in der
Hand gehabt und muß feststellen, daß aus den kurzen Sätzen, die beide über
Nunes und seine Beziehungen zur Nautik mitteilen, keineswegs hervorgeht, daß
sie eine solche Schrift von 1546 wirklich vor sich gehabt haben, Das, was sie
mitteilen, kann ebenso gut einer späteren Ausgabe entnommen worden Sein,
Guimaräes glaubt an die Existenz eines Druckes aus 1546 und belegt dies mit
Zitaten aus verschiedenen portugiesischen literarhistorischen Werken älterer und
neuerer Zeit, Aber das Bemerkenswerte ist, daß er bei seinen sonstigen eifrigen
Forschungen nach den verschiedenen Originalausgaben der Schriften von Nunes
nirgends ein heute erhaltenes Exemplar der Ausgabe von 1546 hat
nachweisen können. Bibliographische Lexika und literarhistorische Werke sind
für ältere Zeiten. oft trügerische Quellen, Sie haben durch die Jahrhunderte
immer wieder voneinander abgeschrieben, ohne erneute Quellenforschung. Ich
füge ein bisher, soviel ich sehe, nicht beachtetes Bedenken gegen die einstige
Existenz der Ausgabe von 1546 an. In dem »Argumentum prioris libri de duobus
problematis circa navigandi artem«, welches in der Gesamtausgabe der »Petri
Nonii Salaciensis opera«, Basileae 1566 und 1592, p. 1 steht, heißt es am Schluß,
nachdem er die Veranlassung der Schrift dargelegt hat: »Haec igitur cur ita
fierent, sciscitabatur a nobis, causas tunc illi (sc. Alphonso de Sosa) tradidimus
coram ut potuimus, seriptis deinde mandavimus annis ab hinc triginta, com-
mentario uno edito de ea re Lusitano sermone, quem denique hoc tempore, ut
non solum a Lusitanis, sed etiam ab aliis hominibus legi atque intelligi possit,
in Latinum vertere voluimus.«
Wenn hier Nunes im Jahre 1566 davon spricht, daß er vor 830 Jahren
in lusitanischer (portugiesischer) Sprache über den gleichen Gegenstand geschrieben
habe, um seine Darlegungen jetzt (hoc tempore) ins Lateinische zu übersetzen,
so ist einerseits klar, daß er sich dabei auf seine sogleich zu erwähnende Schrift
von 15387 bezieht, aber unverständlich, warum er seine lateinische Fassung von
1546 dabei vollständig mit Stillschweigen übergangen hat, wenn sie wirklich
existiert hat.. Findet sich im Vorwort der angezweifelten Ausgabe von 1546 ein
ähnlicher Passus, der von einer vor zehn Jahren erschienenen portugiesischen
Schrift spricht, dann ist mein Bedenken natürlich hinfällig.
Als eine 2. Ausgabe des Traktats »De arte atque ratione navigandi« faßt
Guimaräes eine. solche auf, die gleichfalls in Coimbra »In aedibus Antonii a
Mariis« Anno 1573 erschienen ist und sich tatsächlich in zahlreichen Exem-
plaren erhalten hat, Hier führen die Schriften den Titel »De duobus problematis
circa navigandi artem PETRI NONII Salaciensis Liber unus« und »Petri Nonii
Salaciensis de regulis et instrumentis, ad varias rerum tam maritimarum, quam
coelestium apparentias deprehendendas, ex Mathematieis diseiplinis Liber IILe«.
Dieses zweite Buch besteht aus 27 Kapiteln nebst 5 Propositionen, deren Einzel-
überschriften Guimaräes (a. a. O. S. 212 und 213) wörtlich mitteilt.
In Mitteleuropa wird die Schrift De arte navigandi bekannter geworden
sein durch die schon erwähnte Gesamtausgabe der Schriften von Nunes,
die er, da er erst 1578 starb, jedenfalls noch selbst besorgt hat, Diese »Petri
Nonii Salaciensis Opera«, deren langatmigen Titel ich nicht anführen will, da
das Werk sich in zahlreichen Bibliotheken findet, erschien zuerst in Basel 1566.
»Ex offieina Henrie Petrina«, ist also älter als die Ausgabe Coimbra 1578.
Guimaräes spricht (a. a. O. S. 224) positiv aus: »L/’6dition de 1566 est ä vrai
dire la reimpression de celle de Coimbra de 1546«, ohne dafür jedoch bestimmte
Beweise zu geben, Ich weise nochmals darauf hin, daß Nunes im Vorwort die
Schrift als eine lateinische Übersetzung der 30 Jahre zuvor in lusitanisch ge-