304 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1915.
er auch für den Seefahrer brauchbar ist. Er bedeckt ihn mit.doppelt gekrümmten
Loxodromen, aber die symmetrische Anordnung der Strichrosen — das
ist das Bemerkenswerte — gibt er auf, er paßt sie den einzelnen Meeresteilen
an. Zwar hat er eine beträchtliche Anzahl von Strichrosen in gleicher Entfernung
auf den Äquator verlegt, aber nicht etwa in der Zweizahl als Zentralrosen zweier
Kränze von Nebenrosen, sondern in gleichem Abstand je auf den 30., 60., 90,
... Meridian, soweit solche durchs Meer ziehen (vgl. Taf. 14), im ganzen daher 9.
Man findet ferner 2 Strichrosen in etwa 281° N. Br. und gemäß der großen
Ausbreitung des Meeres auf der Südhalbkugel deren 7 auch in 281° S, Br.
Südlich von Afrika ist ferner eine solche in etwa 441° S, Br. eingetragen, und
südlich von Amerika sieht man 2 Strichrosen in 51!° S. Br. Sie sind mit einer
Ausnahme sämtlich zugleich auf denselben neun Meridianen gelegen, welche
auch im Äquator durch solche Strichrosen ausgezeichnet sind. Nur eine einzige
weicht hiervon ab. Die westlich von Lissabon gelegene Kompaßscheibe (vgl. Taf, 14)
liegt nicht auf dem 360.° bzw. dem Oten Meridian, sondern sie hat ihren Mittel-
punkt etwa 1,8° westlich davon, also in 358.2° Ö, L. und in 88'/,° N. Br.
Es ist sofort klar, daß Mercator mit dieser Abweichung von der auf
allen Seekarten üblichen Anordnung der Strichrosen eine bestimmte Ab-
sicht verbunden haben muß. Auf der ebenen Karte lassen sich die einzelnen
geradlinigen Strahlen leicht mit einem Blick bis zur nächsten Kompaßscheibe
verfolgen, um sie so der Richtung zuzuweisen, der sie angehören, Auf der Kugel
würde dies bei nur zwei Zentralrosen und doppelt gekrümmten Loxodromen
ungleich schwieriger sein. Für höhere Breiten ließe sich das System wegen der
starken Krümmung der letzteren gar nicht durchführen, Übrigens verzichtet
Mercator von vornherein auf die Einzeichnung der Rumblinien in die Kugel-
kappen von 70° bis 90°, die er ja auch von den Kugelstreifen trennt und be-
sonders zeichnet. Nach der von ihm getroffenen Anordnung ist es dagegen für
jedes Meeresbecken zwischen 70° N. und 60° S. leicht, die Einzelstrahlen bis zur
nächsten Kompaßscheibe zu verfolgen,
_ So sehen wir sie denn auf diesem Globus auch zum ersten Male außerhalb
des Äquators mit dem wirklichen Verlauf der Loxodromen auf der Kugel in
Beziehung gesetzt. Denn was zunächst die Rosen in 28!/,° Nord- und Südbreite
betrifft, so finden sie sich am Schnittpunkt der zwei Loxodromen vom Azimut
von 45°, welche vom Äquator in je 60° L. Entfernung auslaufen und sich im
zwischenliegenden Mittelmeridian treffen (vgl. Taf, 14) usf.
7. Voraussetzungen für Anwendung der kartometrischen Methode. Wir
kommen nun zu der Frage, inwieweit Mercator im Jahre 1541 bereits imstande
gewesen ist, die Loxodromen in richtigem Verlauf seinen Kugelstreifen auf-
zutragen. Da uns keinerlei Angaben über das dabei beobachtete Verfahren
überliefert sind (s, u. $ 17), und, wie noch zu erweisen sein wird, aus jener Zeit
Tafeln der Rumblinien, die er etwa hätte benutzen können, nicht bekannt sind,
so steht uns für die Untersuchung nur die kartometrische Methode zur Ver-
fügung oder die Nachmessung auf den Streifen selbst, Dazu bedarf es einer
Vorprüfung über die Grenzen der Sicherheit, welche unseren Nachmessungen
zugeschrieben werden darf.
Bekanntlich zeichnen sich alle kartographischen Arbeiten Mercators durch
einen hohen Grad der zeichnerischen Genauigkeit im Entwurf der Gradnetze
aus, Nur selten begegnet man offenbaren Fehlern der Zeichnung. Wo solche
in den neueren Reproduktionen auftreten, sind meist die letzteren mehr Schuld
als die Originale. Hierbei hängen die Lichtdruckwiedergaben, die zwar rück-
sichtlich der treuen Abbildung des Inhalts allen früheren Abzeichnungen durch-
aus vorzuziehen sind, in betreff der für kartometrische Messungen allein in
Frage kommenden Dimensionen ganz vom Erhaltungszustand der zu repro-
duzierenden Karten ab. Daß man z. B. die achtzehn Blätter der Weltkarte
Mercators vom Jahre 1569 nach der schönen Lichtdruckausgabe, welche die
Gesellschaft für Erdkunde in Berlin im Jahre 1891 veröffentlichte, nur schwer
zu einem Bilde vereinigen kann, trotzdem es sich um rechteckige Gradnetze