Wagner, H.: Gerhard Mercator und die ersten Loxcdromen auf. Karten, 303
metrischen Zwecken konnte mir daher weder die Abbildung des. Globus in fast
vierfach verkleinertem .Maßstab (Durchmesser 11 cm), wie sie sich in dem Werke
von Averdunk und Müller-Reinhard, Tafel III, findet, noch eine etwas ver-
größerte Photographie, die ich mir. von einer andern Seite des Globus in Duis-
burg herstellen. ließ, nutzen. Anders liegt die Sache mit der Publikation der
Globusstreifen in Originalgröße, welche, wie schon erwähnt, auf Kosten der bel-
gischen Regierung 1875 in Brüssel veranstaltet wurde. Leider ist diese Ausgabe,
die, soviel mir bekannt, nur in 200 Exemplaren gedruckt war, seit Jahren gänzlich
vergriffen, also nicht allgemein zugänglich. Deshalb wird dieser Studie ein
Faksimiledruck wenigstens eines der. Blätter mit drei Globusstreifen. von 70° N
bis 70°S beigegeben, der allen Interessenten eine Prüfung meiner Angaben durch
Nachmessung ermöglicht; gern hätte ich sie in Originalgröße publiziert, aber die
Schriftleitung dieser Zeitschrift wünschte die Tafel in nicht allzugroßem Format.
So ward sie auf % des Originals oder den Kugelmaßstab von 1.:48 000 000
verkleinert.
6. Die Auswahl und Lage der Strichrosen. Bevor wir nun die von Mercator
auf seine Globusstreifen eingetragenen Loxodromen auf ihre Richtigkeit prüfen,
muß ein wichtiger Punkt zur Sprache kommen, der von vornherein die Selb-
ständigkeit des Vorgehens Mercators bei der Einzeichnung verbürgt und beweist,
daß er 1541 bereits ein volles Verständnis für das Wesen und den Zweck der
Loxodromen für die Schiffahrt besaß.
Alle Seekarten im Zeitalter .der Entdeckungen und durch das ganze
16. Jahrhundert hindurch tragen bekanntlich als typisches Kennzeichen ein regel-
mäßiges und symmetrisches Netz von geradlinigen Richtungsstrahlen, die
von einzelnen Strichrosen ausgehen, Sehen wir von Spezialkarten kleinerer
Gebiete oder von Küstenstrichen mit nur ein oder zwei solcher Rosen ab, so
entdeckt man auf allen andern leicht — auch wenn die Rumblinien nicht quer
über das Land gezogen, sondern auf die Meeresfläche beschränkt sind — eine
Zentralrose im Mittelpunkte eines kreisförmigen Kranzes von 16 Neben-
rosen. Von den sich rechtwinklig schneidenden Rumblinien entsprechen die
einen stets der Nordsüdrichtung, die andern der Westostrichtung gemäß der ältesten
Anforderung der Orientierung der Seefahrer auf Seekarten, welchen letzteren wir
daher grundsätzlich die normale Zylinderprojektion unterlegen,
Die Größe des Kranzes von Nebenrosen richtet sich fast immer nach der
kürzesten Dimension der Karte. Meist liegen daher bei Nordorientierung der
Karten die nördlichste am oberen, die südlichste am unteren Rand; bei.den älteren
Karten des Mittelmeeres mit Ostorientierung die nördlichste am linken, die süd-
lichste am rechten Rand. Überstieg die Westostausdehnung der Karte die‘ nord-
südliche beträchtlich, so pflegte man sie mit zwei nebeneinander liegenden Kränzen
von. Nebenrosen mit je einer Zentralrose im Mittelpunkt zu bedecken, Bei Welt-
karten ward es üblich, diese beiden Zentralrosen in den Äquator zu verlegen.
Das alles ist bekannt, muß hier aber vorausgeschickt werden. .
Nun haben einzelne Kosmographen des 16. Jahrhunderts, die wir hier in
Gegensatz zu den Nautikern und Zeichnern von Seekarten setzen, wohl auch
Weltkarten mit einem solchen Kranz von symmetrisch gelagerten Strichrosen
versehen, dann aber immer nur, wenn sie diese als Plattkarten mit senkrecht sich
schneidenden (wenn auch kaum je ausgezogenen) Meridianen und EBreitenparallelen
zeichneten, niemals bei Projektionen mit krummlinigem Gradnetz!®), Die Karte
wird dann aber auch besonders als »Hydrographia« oder »Carta marina« be-
zeichnet. Ich erinnere an die »Carta marina« der Straßburger Ptolemaeus-Aus-
gabe von 1513, deren Karten von Martin Waldseemüller herrühren (Norden-
skiöld, Faksimile- Atlas. 1889. Tab. XXXV), ‚und an die ähnliche Karte von
Laurentius Frisius in der Ptolemaeus-Ausgabe, Argentorati 1522, (Faksimile-Atlas.
Taf. XXXIX). Mercator will nun offenbar seinen Globus derart ausstatten, daß
16) Auch wohl niemals auf Karten in trapezförmiger Projektion, die ja den Seekarten über-
haupt fernlag.