300 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1915.
noch früher (1819) der Portugiese Francisco de Borja Garcäo-Stockler®)
die Schrift des Nonius »De arte atque ratione navigandi« vom Jahre 1546 als
diejenige bezeichnet, in der der letztere zuerst die Theorie der Loxodromen ent-
wickelt habe. Die gleiche Bemerkung findet sich schon 1863 in Poggendorffs
biographisch-literarischem Handwörterbuch”) und an anderen Orten,
Wir kommen später auf diese literarhistorische Frage zurück, die damit
noch nicht abgeschlossen ist. Für jetzt beschäftigen uns mehr diejenigen Autoren,
welche deutlicher auf den Zusammenhang zwischen der Erfindung der Mercator-
projektion und den Erkenntnissen des Nonius hinweisen, Es genügt dafür
S. Günther anzuführen, der in seiner neuen Studie (1908) der Vermutung Aus-
druck gab (a. a. O0. S. 227), daß »Mercator teilweise unter Nonius’ Einwirkung die
im Jahre 1569 — dem Erscheinungsjahr der berühmten Weltkarte — zum Ab-
schluß gelangte Gedankenarbeit vollzogen habe.« »Es dünkt uns nicht unwahr-
scheinlich«, sagt Günther kurz zuvor, »daß Mercator schon 1554, als er die
Widmung an Antonio Perrenot, den späteren Kardinal Granvella, auf seine
große Karte von Europa schrieb, sich mit dem Plane trug, der fünfzehn Jahre
später (d. h. in der Weltkarte) eine so vortreffliche Verwirklichung fand. Offenbar
hatte Mercator dazumal (sic!) auch von dem Werke des Nonius Einsicht genommen,
und nun kombinierte sich mit der ursprünglich gehegten Absicht noch eine zweite.
Eine konische Karte konnte nun und nimmer die wahren Schiffahrtswege an-
zeigen; hierzu bedurfte es einer durchaus neuen Methode, welche die loxodromischen
in gerade Linien überführte. So darf wohl der Zeitraum von 1554 bis 1569 als
derjenige des Ausreifens eines die Netzentwurfslehre von Grund aus umgestaltenden
Projektes angesehen werden.«
2. Der Globus Mercators vom Jahre 1541. Indessen steht dieser Datierung
eine der Mehrzahl der neueren Mercatorforscher unbekannt gebliebene Tat-
sache entgegen, die ohne allen Zweifel eine weit frühere volle Bekanntschaft
Mercators mit dem Wesen der Loxodrome beweist. Ich meine die Bedeckung
seines berühmten Erdglobus vom Jahre 1541 mit einem System von
Loxodromen, die nicht nur richtig, sondern auch in bewußter Auswahl gezeichnet
sind, Von dieser Tatsache haben weder Günther (1879 und 1908) noch A. Breusing,
als dieser 1892 in seinem Werkchen »Das Verebnen der Kugeloberfläche« wieder
auf die Mercatorkarte zu sprechen kam, Kenntnis gehabt; ebensowenig Norden-
skiöld, der sie in seinem Faksimile-Atlas 1889 mit keinem Wort berührt. Und
mir selbst ging es nicht anders, da ich bis vor kurzem nie eines der wenigen
erhaltenen Exemplare des Globus von 1541, und auch nicht die Reproduktionen
der zugehörigen Globusstreifen, obwohl diese schon 1875 publiziert wurden, zu
Gesicht bekommen hatte.
Jetzt, wo ich infolge des Erscheinens einer neuen Mercatorbiographie *)
der Frage näher getreten bin, sehe ich, daß die erwähnte Tatsache der Bedeckung
des Globus von 1541 mit Loxodromen weder in, der älteren noch der neueren
Literatur unerwähnt geblieben ist. Schon 1594 gab Robert Hues im V. Kapitel
seines Tractatus de Globis et de eorum usu”®) an, daß, während Petrus Nonius
in zwei Büchern de Navigandi ratione über den Nutzen der Rumblinien geschrieben
habe, diese letzteren von Mercator auf seine Globen gezeichnet seien. Da Hues
andere Globen und Karten nicht nennt, läßt sich vermuten, daß er solche auch
nicht kennt, und sonstige Globen, mit Loxodromen versehen, bis zu seiner (Hues)
Zeit auch wohl nicht existiert haben. Die Tatsache »Mercator heeft de rhomben
op de globen gestelt in 1541« wiederholt J. Hondius 1612 in seinem »Tractaet
ofte Handelinge van het gebruyck der Hemelscher en der Aertscher Globe«. An
diese älteren Hinweise erinnert in neuerer Zeit zuerst wieder P. J. H. Baudet
3) Ensaio historico sobre a origem e progressos das Mathematicas em Portugal. Pariz, 1819, 33.
"x Bd. II 1863, S, 304,
3 H. Averdunk und J. Mühller- Reinhard, Gerh. Mercator und die Geographen unter
seinen Nachkommen. Ergänzungsheft zu Pet. Mitteil. No. 182. Gotha 1914,
9) Tractatus de Globis et de eorum usu, Accomodatus lis, qui Londini editi sunt anno 1593.
OConseriptus a Roberto Hues, Londini 1594. Pars. V, ». 54.